Vom Wasser predigen und Wein trinken

Arbeiten bis 70 ist das Gebot der Stunde. Nur: Die dazu passenden Arbeitsplätze gibt es hierzulande nicht.

Wir alle werden länger arbeiten müssen, wenn wir so etwas wie ein finanzierbares Pensionssystem aufrecht erhalten wollen. Sagt die Demografie, sagt der Hausverstand, sagen die Wirtschaftsforscher, sagen Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer.

Und sie alle haben natürlich Recht: Ein Pensionssystem im Umlageverfahren, dessen Konstrukteure davon ausgegangen sind, dass Arbeitnehmer mit 65 in den Ruhestand treten und dann noch ungefähr sechs Jahre lang die Rente genießen, kann nicht funktionieren, wenn das Pensionierungsalter im Schnitt deutlich unter 60 Jahren liegt, die darauf folgende Pension deutlich mehr als 20 Jahre dauert und zusätzlich die Zahl der aktiven Pensionsbeitragszahler aus demografischen Gründen immer stärker einbricht. Um das zu begreifen, braucht man keinen Harvard-Abschluss in Versicherungsmathematik.

Es ist also nur konsequent, wenn Wirtschaftsforscher und Industriellenvereinigung für ein höheres Pensionsantrittsalter plädieren, der Wirtschaftskammerpräsident über Pensions-Zuschlagsmodelle für 70-Jährige philosophiert und selbst der SP-Sozialminister unter Missfalllenskundgebungen seiner Parteigenossen nichts Aufregendes am Hackeln bis 67 findet. Das Problem ist also erkannt, da wird jetzt gleich die große Problemlösungskompetenz ausgepackt. Glaubt man.

Bevor Euphorie ausbricht, steigen wir jetzt einmal kurz von den Elfenbein-Türmchen der Wirtschaftsforscher, den vollverglasten Vorstandsbüros in den oberen Stockwerken, dem Palais am Schwarzenbergplatz hinunter in die niedere Welt der Großraumbüros und Fabrikshallen und schauen uns dort einmal um.

Und dort sehen wir Erstaunliches: Bankmitarbeiter, denen im zarten Alter von 50 mit viel Geld und sanftem Druck der Abgang in den Vorruhestand nahe gelegt wird. Industriearbeiter, die (auch im ehemals vom Industriepräsidenten geleiteten Konzern) bei Erreichen der Pensionsberechtigung (so zwischen 58 und 60, durch die Pensionsreform jetzt ein bisschen später) gegen ihren Willen in den Ruhestand hinausgekündigt werden, Ex-Wirtschaftskämmerer, denen ein Vorruhestandsmodell ihres so vehement für spätere Pensionierung eintretenden Präsidenten das mittägliche Tennisspielen an Werktagen ermöglicht, rüstige Ex-Beamte mit Mitte 50, die spazieren gehen, weil ihr Dienstgeber seine Personalprobleme per Frühpensionierung löst.

Kurzum: Wenn wir aus diesen Niederungen hinauf blicken, sehen wir da oben ziemlich viele Wasserprediger und Weintrinker. Natürlich sehen wir auch Arbeitnehmer, die schon mit 40 hart an der frühestmöglichen Pensionierung zu arbeiten beginnen. Aber die Regel ist das nicht.

Diese merkwürdig schizophrene Kluft zwischen ökonomischer Theorie und betrieblicher Praxis hat schon auch ihre Gründe: Arbeitsmediziner wissen, dass ab Mitte 50 die Produktivität sinkt, die Problemlösungskapazität ebenso nachlässt wie die Arbeitsgeschwindigkeit, die Lernfähigkeit nicht mehr mit der von Zwanzigjährigen zu vergleichen ist. Das lässt sich in manchen Bereichen durch Erfahrung und Routine kompensieren, in manchen aber nicht. Und es gibt auch körperliche Grenzen: Ein siebzigjähriger Maurer, der bei Novembernieseln im Freien Ziegel schlichtet, ist wohl nicht denkbar.

Mit anderen Worten: Es gibt die Arbeitsplätze für die 55- bis 70-Jährigen nicht. Diese herbeizuschaffen ist jetzt in erster Linie einmal Aufgabe der Regierung, der Sozialpartner und der Betriebe. Da geht es um intelligente Gestaltung der Kollektivverträge (zum Beispiel Lohnkurven, die der Produktivität angepasst sind und nicht zum Kündigen von teuren Alten geradezu einladen). Angebote zur Umschulung und zum lebenslangen Lernen, die verhindern, dass 50-Jährige wegen veralteten technischen Wissens nicht mehr brauchbar sind. Spezielle Förderungen für Altersarbeitsplätze. Und den Willen, das alles auch umzusetzen. Erfinden braucht man da gar nichts: In Skandinavien, aber auch in den viel geschmähten USA funktioniert das längst.

Mit gutem Beispiel vorangehen muss da freilich einmal die öffentliche Hand und ihr Umfeld: Solange Bund, Länder und Betriebe wie die ÖBB ihre Job-Probleme locker per Frühpensionierung lösen, solange ist es Privatunternehmen wohl nicht zuzumuten, da mit doch nennenswertem Kapitaleinsatz gegenzusteuern.

Der Ball liegt also jetzt eindeutig bei Regierung und Sozialpartnern. Denen schreiben wir jetzt einmal ins Stammbuch: Nicht lamentieren und fordern, sondern einfach umsetzen.


josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2007)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.