ORF-Stiftungsrat. Kritik: Zwei Drittel der Reformkosten gehen auf die neue ORF-Serie.
Am Donnerstag trifft der Stiftungsrat zum ersten Mal in der neuen politischen Konstellation zusammen – er ist deutlich nach links gerückt (siehe Grafik). Wie üblich wird bereits im Vorfeld diskutiert und kritisiert – die geplante Programmreform, die am 10.April in einer ersten Tranche umgesetzt werden soll, bietet genügend Angriffsfläche. Hauptthema in der Debatte: die eigenproduzierte Unterhaltungsserie. „Mitten im Achten“ wird täglich auf ORF1 laufen und dort die „ZiB1“ ersetzen (außer während der Sommermonate, da werden die bereits gesendeten Serienteile wiederholt). Umso höher liegt die Latte: „Bisher war die ,ZiB1‘ der öffentlich-rechtliche Rettungsanker für ORF1“, meint Georg Weißmann, der Vorsitzende des Publikumsrats, gegenüber der „Presse“. Jetzt tritt „Mitten im Achten“ an diese Stelle und verschlingt mit Gesamtkosten von 6,5Millionen Euro nach Publikumsratsberechnungen mindestens zwei Drittel der 9,2Millionen Euro, die für die Reform veranschlagt sind.
„Für den ORF nicht exportfähig“
Auch sonst stößt dem Publikumsrat einiges sauer auf: „Mitten im Achten“ sei bereits 2006 pilotiert worden – also kein Projekt der neuen, sondern eine Idee der alten Geschäftsführung. Den Stoff habe die deutsche Firma Producers at Work entwickelt, die Idee wurde bei Endemol in den Niederlanden eingekauft (dort heißt die Serie „Samen“) – „Mitten im Achten“ sei daher „für den ORF nicht exportfähig“, auch wenn die Drehbücher von drei heimischen Autoren – Clemens Aufderklamm, Gregor Barcal (Ö3) und Iris Moizi – stammen. Die Wertschöpfung wird also nicht so weitgehend im Land bleiben, wie es der ORF-Hinweis, dies sei eine eigenproduzierte Serie, suggeriert – die heimische Produktionsfirma gehört zu 75% der deutschen Bavaria-Film.
Nur ein Drittel des Reformbudgets entfallen auf die Information. „Das zeigt, wie wichtig der neuen ORF-Führung diese Serie ist“, meint Weißmann, der es begrüßt, dass das Programm reformiert wird. Dass es mehr Diskussionssendungen geben soll, sei eine langjährige Forderung der Hörer- und Sehervertreter gewesen. Auch Maßnahmen wie die Vorverlegung von „Kreuz&Quer“, das länger dauern wird, finden Gefallen. „Aber diese Unterhaltungsserie ist ein Risikofaktor“, meint Weißmann und fordert: „ORF1 muss öffentlich-rechtlicher werden.“ Ob das mit einer Unterhaltungsserie zur „ZiB1“-Zeit und mit dem zu erwartenden Infotainment in den verschiedenen Kurz-News am ersten Kanal gelingen wird, sei noch zu beweisen. Obwohl, die Tatsache, dass „Reich und Schön“ aus dem Programm gekippt wird, gibt Hoffnung.
Mit Widerstand gegen die Programmreform ist allerdings weder im nur beratenden Publikumsrat („Wir wollen nicht von vornherein nein sagen – es ist ja ein Aufbruch notwendig“, meint Weißmann) noch im Stiftungsrat (er muss die Pläne erst absegnen) zu rechnen.
Pekarek behält den Vorsitz
Themen der Plenarsitzung: das Sendeschema, die Finanzen und die Bestellung von Karl Pachner zum Geschäftsführer der ORF Online und Teletext GmbH. Als Vorsitzender des Stiftungsrates wird wieder der Kärntner Raiffeisen-Chef Klaus Pekarek am oberen Ende der Sitzordnung Platz nehmen. Er soll auf Drängen von Landeshauptmann Jörg Haider abgelöst und durch Gerd Seeber ersetzt werden. Pekarek schloss aber einen freiwilligen Verzicht auf das ORF-Amt aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2007)