Aus seiner zweiten Reise erreichte Kolumbus das heutige Haiti und die Dominikanische Republik: Gold fand er auf "Hispaniola" aber nicht.
Um die 1500 Mann auf 17 Schiffen gingen mit auf die zweite Reise des Kolumbus, am 25.September 1493 startete sie im südspanischen Cádiz, Ziel war das „Goldland“. Von der ersten Reise hatte der Abenteurer Gold mitgebracht, entsprechend stark war der Andrang anderer Glücksritter. Im November erreichten sie Hispaniola – heute: Haiti und Dominikanische Republik –, Kolumbus gründet im Norden der Insel die erste Stadt in der Neuen Welt, die er für Indien hält: La Isabella. Ausgeladen und im Alhondiga – einem Fort – eingelagert werden dort auch 58 Schmelztiegel und ein Kilo flüssiges Quecksilber. Das hatte man aus Spanien mitgebracht, man wollte damit Gold aus goldhaltigem Gestein extrahieren.
Müll mitten im Fort
Aber man fand kein Gold. Stattdessen fand man Silber, zumindest sah es für die Nachwelt lange so aus: In der Alhondiga ergruben Archäologen kleine Silberstückchen und viel Material, das zu ihrer Gewinnung gehört bzw. bei ihr anfällt, 90 Kilo Bleiglanz und 200 Kilo Schlacke aus der Metallurgie. Bleiglanz ist Bleisulfid (PbS), in ihm finden sich oft Spuren von Silber, die mit einem besonderen Verfahren – Kupellation – extrahiert werden. Und Schlacke ist Müll, der seltsamerweise mitten im Fort lag, aber das fiel erst jetzt einer Gruppe um Anthony Thibodeau (University of Arizona) auf.
Sie hat den Bleiglanz analysiert – die Isotopen verraten die Herkunft – und bemerkt, dass der in La Isabella gefundene nicht von dort stammt, auch nicht aus der Region. Sondern vermutlich aus Spanien, aus der Gegend von Cádiz. Warum haben ihn die Spanier mitgebracht? In Europa wurde er als Reagenz und Referenz zur Bestimmung des Silbergehalts neuer Erzlager verwendet.
Und warum haben sie aus dieser Laborchemikalie das Silber herausgeholt? „Es ist ein Zeichen der verzweifelten Lage, in die die Stadt geraten war“, vermuten die Forscher (Pnas, 19.2.): Man hatte kein Silber gefunden, man hatte Krieg mit den Indianern begonnen, man hatte keine Vorräte. Die Siedlung wurde 1498 aufgegeben, die Hoffnung zog weiter, in den Süden der Insel, nach Santo Domingo, von dort kam die Kunde, man habe Gold gefunden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2007)