Verhalten: Gesten des guten Willens haben Tradition

Grüße sollen gute Absichten signalisieren. Nicht nur Menschen, auch Affen und Hyänen nutzen sie zur Deeskalation.

Wenn Angehörige der Bussi-Bussi-Gesellschaft einander umhalsen, würden manche ersichtlich lieber zudrücken, aber das Ritual erzwingt und signalisiert Frieden, wenigstens vorläufigen. In der verfeinerten Form ist das auch so, wenn einer auf „Grüß Gott“ „Guten Tag“ antwortet, die Fronten sind klar, aber man ist gesittet, Grüße signalisieren gute Absichten, vorsichtiger: das (zumindest temporäre) Fehlen böser.

Seit wann? Wer hat diese Gesten und Sitten entwickelt, und warum? Vermutlich alle die, die ein besonderes Sozialleben haben, eines, in dem größere Gruppen sich in kleinere aufteilen und später wieder zusammenkommen („fission-fusion“). Die zeitweilige Aufspaltung selbst ist eine Strategie zur Konfliktvermeidung: Wenn es wenig zu fressen gibt, streitet man lieber nicht darum, sondern geht getrennte Wege. Heikel wird es bei der Wiedervereinigung, dann steigt die Aggressivität, dann kommen andere Strategien zum Tragen: Nach der Auseinandersetzung kommt die Versöhnung, bei Schimpansen etwa wendet der Sieger dem Unterlegenen viel Aufmerksamkeit zu, streichelt ihn („grooming“, „lausen“ ist eine höchst unzureichende Übersetzung).

Ähnlich ist es bei Hyänen, die auch ein hoch entwickeltes Sozialleben haben und „fission-fusion“ betreiben. Nach Beißereien bei einer „fusion“ kommt es zu einer Vorform des Grußes: Weibchen – sie haben bei Hyänen das Sagen – stellen sich längsseits in Gegenrichtung nebeneinander und präsentieren einander ihre erigierten „Penisse“ (sie haben eine extrem vergrößerte Klitoris), es hat keine sexuelle Bedeutung, nur befriedende (Behav. ecol. sociobiol., 33, S.355).

Küssen, Schnüffeln, Nasenreiben

Aber dieser Gruß kommt erst nach der Aggression. Kommt nie einer vorher? Doch, bei den Spinnenaffen (Ateles geoffroyi). Zwei große Gruppen leben auf der Yucatan-Halbinsel, sie teilen sich oft in kleinere Gruppen und gehen dann wieder zusammen, mit hoher Aggression. Aber manche gehen auf andere zu und umarmen sie. „Es ist so ähnlich, als ob Menschen einander umarmen. Es kann auch mit einer Art Kuss auf die Wange kombiniert werden oder mit einem Schnüffeln an den Achselhöhlen“, berichtet Filippo Aureli (Liverpool), der es ausgiebig beobachtet hat, der „Presse“. Und es wirkt, es deeskaliert: „Unser Fund ist die erste systematische Evidenz für Konfliktmanagement bei der ,Fusion‘“ (Biology Letters 21.2.).

Aber sie umarmen nur kurz, und nicht alle tun es. Vermutlich liegt das daran, dass die Deeskalation rasch gehen muss, und dass manche es für alle ausprobieren. So tun es andere auch: „Menschen tauschen rasch freundliche Zeichen aus, Handschläge, Umarmungen, Nasenreiben, Küsse.“ Und die Testküsser sind bei dieser Art oft die politischen Repräsentanten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2007)

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