ORF-Programmreform: "Jeden Tag ein Kommentar"

Gerd Bacher hält das Ende der „ZiB“-Durchschaltung für reine Selbstbeschädigung und fordert deutlich längere Hauptnachrichten.

Auch Gerd Bacher ist der Ansicht, dass „eine gründliche ORF-Reform“ notwendig ist: „Ich glaube, dass die jetzige sogar zu wenig weit geht“, meint er im Gespräch mit der „Presse“. Die neue ORF-Chefetage würde sich zwar „auf das Angenehmste von den Vorgängern unterscheiden“, aber wie man sich dort die Neugestaltung des Fernsehdickichts vorstellt, so hat sich der „Tiger“ das nicht vorgestellt. Was ihn stört? „Ich halte das Abgehen von der ,ZiB‘-Durchschaltung für einen schweren Irrtum: Die ,ZiB1‘ ist die einzige Programmlegende, die der ORF noch hat. Diese freiwillig selbst zu beschädigen ist mir ein Rätsel. Und dass man mit der Soap (,Mitten im Achten‘, Anm.) vor der ,ZiB‘ beginnt – das ist mir völlig unverständlich.“

Bacher fordert „eine exemplarisch längere ,ZiB‘“, wenn auch „in Portionen“ geteilt (so wie derzeit mit dem Sport), damit der ORF dazwischen werben kann. In Summe sollten die Hauptnachrichten „mindestens eine Dreiviertelstunde“ dauern, meint er, und es müssten „jeden Tag Kommentar, Interview und Reportage drinnen sein – so, wie das ernsthafte Informationssender machen, nicht im deutschsprachigen Raum, aber anderswo auf der Welt“. Allerdings: Chefredakteur Karl Amon hat der Mannschaft bereits mitgeteilt, dass Kommentare abgeschafft werden. Höchstens Moderatorengespräche (der Moderator interviewt einen ORF-Experten) soll es geben.

Mit den kurzen Info(tainment)-Formaten auf ORF1 kann sich Bacher nicht anfreunden: „Mit einer erstklassigen ,ZiB‘ könnte man auch die Jungen ansprechen. Die schauen ja nicht nur deswegen bei anderen Sendern, weil die ein schundiges, munteres Programm machen, sondern, weil unsere Hauptabend-Information nicht so gut ist, wie sie sein müsste. Der Ruf eines Informationssenders wird ja nicht durch einen Fleckerlteppich nichtssagender Kurzsendungen begründet, sondern durch zumindest eine schwergewichtige Informationssendung, wie sie die ,ZiB‘ einmal war.“

Gebührenerhöhung 2008?

Vor der Plenarsitzung des ORF-Stiftungsrats am heutigen Donnerstag entbrannte (vor dem Hintergrund von Übersiedlung/Sanierung, Fußball-EM und Peking-Olympiade) eine Diskussion über eine mögliche Erhöhung der Rundfunkgebühr 2008. Wrabetz betont zwar immer wieder, die Programmreform sei „kein Grund für eine Gebührendiskussion“ – hat eine Erhöhung aber nur für 2007 dezidiert ausgeschlossen. ORF-Zentralbetriebsratsobmann und Stiftungsrat Heinz Fiedler hält eine Gebührenerhöhung für „nicht unplausibel“. Caritas-Direktor Franz Küberl, als Unabhängiger im Stiftungsrat, sieht zwar noch „ein gewisses Sparpotenzial im ORF“, plädiert aber dafür, die Rundfunkgebühren künftig automatisch alle zwei Jahre mittels Inflationsanpassung um zwei bis zweieinhalb Prozent zu erhöhen. Zuletzt war das Programmentgelt 2004 angehoben worden. SP-Stiftungsrat Karl Krammer hingegen ist der Meinung, das Thema sei derzeit „überhaupt nicht am Tisch“: Er habe Wrabetz im Finanzausschuss des Stiftungsrats gefragt, ob man sich mit der Zustimmung zur Programmreform (Mehrkosten: etwa zehn Millionen Euro) eine Gebührenerhöhung einhandle – der ORF-Chef habe mit einem klaren Nein geantwortet. VP-Stiftungsrat Franz Medwenitsch verwies darauf, dass die Koalitionspartner sich auf eine unabhängige Medienbehörde geeinigt hätten – nun sei zu klären, ob künftig über die Gebühren wie bisher im Stiftungsrat oder in dieser Behörde entschieden werden soll: „Hier ist die Medienpolitik am Zug.“

Stiftungsrat stellt Bedingungen

Bei der Programmreform ist heute der Stiftungsrat am Zug. Zwar wird erwartet, dass Wrabetz sein neues Schema vom ORF-Aufsichtsgremium abgesegnet bekommt – aber nicht ohne Bedingungen. Die einen fordern mehr Mut und Bereitschaft, konkrete Ziele zu fixieren, an denen sich dann der Erfolg der Reform messen lässt. Davor hat sich Wrabetz aber bisher gescheut. Die anderen sprechen sich gegen die vom ORF-General gewünschte Herabsetzung der Zielmarktanteile (nach denen die Auszahlung der Prämien für die ORF-Direktoren berechnet werden) von 43 auf 41% aus. „Für mich ist das völlig inakzeptabel“, meint dazu Medwenitsch, der Leiter des ÖVP-„Freundeskreises“, zur „Presse“: Man könne doch nicht mit einem Schema antreten, das neue Zuschauerschichten ansprechen soll, und gleichzeitig mit sinkenden Marktanteilen rechnen. „Das ist mir zu defensiv.“

Auch bei der Bestellung von Karl Pachner zum Nachfolger von Franz Manola als ORF-On-Chef ist mit Diskussionen zu rechnen, weil Manolas berufliche Zukunft im ORF noch nicht genau geregelt ist.

Inline Flex[Faktbox] IM STIFTUNGSRAT("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2007)


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