Umsturz im Patschenland!

Analyse. Programmreform im ORF-Fernsehen: Die Trennung in einen "jungen" und "älteren" Kanal verschärft sich.

Einen „Big Bang“ hat der rote General angekündigt. Seither steht die Nation – Hände an die Hosennaht! – stramm und wartet. Welcher brave ORF-Soldat wird wo ins Feld geschickt? Welche der öffentlich-rechtlichen Fähnchen wird der Oberbefehlshaber auf dem Schemaplan in der Schlacht gegen die Fernsehkanäle aller Länder verrücken und wohin? Ein Kampf. Es geht um Quote und Auftrag. Da darf die Nation nicht zimperlich sein. Opfer müssen gebracht werden! Manche tun weh (dem „Weltjournal“ wird eine Viertelstunde amputiert), andere lassen sich verschmerzen (die „Reich und Schön“ sind, werden in die Emigration geschickt). Gleichzeitig werden Bons verteilt, für Essen (Themenschwerpunkt) und Seife („Mitten im Achten“).

Das Ziel ist edel. Der Plan bekannt: Umsturz im Patschenland! Die Seherschaft soll wieder mehr als bisher hinter dem ORF und vor dem Bildschirm vereint werden. Seither gibt es keine sicheren Regionen mehr – alles darf zur Diskussion gestellt werden. An sich eine schlaue Strategie. Aber keiner hat es vor Alexander Wrabetz gewagt, die Durchschaltung der „ZiB1“ in Frage zu stellen. Er hat sich hinter sein Regenbogen-Schild und gegen den Willen der Politik gestellt, die „meint, sie habe ein Anrecht, durchgeschaltet verkündet zu werden, und die Nation habe zu lauschen“ (© Wrabetz in der „Presse“). Nur: Die Jungen sind längst nicht mehr vor dem Volksempfänger versammelt. Die erreicht man schwer. Die schauen, während der ORF die „ZiB1“ abspult, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Verliebt in Berlin“; „Hi Society“ und wie sie alle heißen. Fremdprogramme. In der für die Werbewirtschaft teuersten (und für die TV-Stationen lukrativsten) Zeitzone – von 19.30 bis 20.15Uhr – wählen nur noch 88.000 junge Zuschauer den ORF, 157.000 sehen andere Sender.

Mit „Trallalla“ in die Teilkapitulation

Und was macht der General? Teilkapitulation und Gegenangriff! Weil man es offenbar aufgegeben hat, die Jungen für profunde Informationen über den Stechschritt von Strache oder die Eingeweide von Elsner zu interessieren, geht man daran, die „ZiB1“ mit einer Daily Soap zu konkurrenzieren, die sich – lustig, heißa, trallalla – mit den Problemchen des Lebens und der Schmerzempfindlichkeit geklopfter Schenkel auseinander setzt. Zwei Drittel der knapp zehn Millionen Euro, die Wrabetz für die Programmreform in die Kriegskasse scheffeln will, werden dafür drauf gehen, nicht für die Information. Ein Teil davon wird natürlich auch „Mitten im Achten“ verdient, durch Werbeblöcke und Product Placements.

Ist also Wrabetz‘ Stehsatz von der Stärkung des öffentlich-rechtlichen Profils eine reine Kriegslist? Natürlich gibt es Anstrengungen. Mehr Berichterstattung aus den Bundesländern („Österreich heute“), mehr Bürgernähe und Konsumenteninformation, früher „Kreuz&Quer“ und „Schauplatz“, ein Relaunch des „Treffpunkt“-Abends, der „Club2“ soll – in „Wandas Wohnzimmer“ oder sonst einer zum Reden einladenden Ecke – wieder auferstehen...

Was die „ZiB1“-Reform bringen wird außer Äußerlichkeiten (es werden wieder zwei Matrosen rudern) ist noch unklar: Keine Verlängerung jedenfalls. Sicher wird künftig mehr diskutiert als kommentiert – was die Gefahr birgt, dass der ORF an Kompetenz verliert, wenn es darum geht, den Leuten ihr Land und, wenn möglich, auch noch ein Stück der Welt zu erklären.

Klarer kann der Marschbefehl für ORF2 nicht sein: Pflichterfüllung (der Auftrag!), Qualität (bestenfalls trotz Quote), Legitimation (der Zwangsgebühren, deren Erhöhung 2008 nicht dezidiert ausgeschlossen ist).

Quotengans und Kriegslist

Und ORF1 wird als Quotengans aufgemascherlt, mit Tierliebe à la Entenfellner („Krone“) und einem Boulevardmagazin à la Vera zum Beispiel. ORF1-Infoschiene hin oder her – ein Ersatz für die „ZiB1“ ist das nicht. Infotainment („Wie bitte?“) zielt auf junge Frauen. Die „ZiB Newsline“ (20Uhr) dauert sieben bis acht Minuten, inklusive Wetter. Wie will man da Profundes vermitteln? Zwischendurch „Newsflashes“, um 24 „ZiB Nightline“.

Wrabetz' Argument: Jeder kann umschalten auf ORF2. Aber „Mitten im Achten“ – ein Format, bei dem der ORF sehr viel Geld und all sein Können (auch in den Kontakten zur Werbewirtschaft) in die Waagschale wirft, um ja viele junge Zuschauer täglich daran zu binden – beginnt schon um 19.20 Uhr. Früher als die „ZiB1“, die es zeitlich überlappt. Da werden wohl nicht viele den Kanal wechseln. Auch das ist Teil der Kriegslist. Weil: Ohne Geld ka Munition.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2007)


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