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Straßenbau: „Unser Dorf wird erwürgt“

SPANIEN. Achtspurige Asphaltpisten zerstören die Mittelmeerküste. Anwohner und Umweltschützer protestieren vergebens.

Valencia. Nicht wenige Bewohner an der Costa Blanca in der spanischen Orangenregion Valencia fühlen sich wie im Reich der Schildbürger. Etwa im hübschen Küstenort Altea: Dort haben die rund 20.000 Einwohner bereits eine moderne vierspurige Autobahn vor der Haustür. Aber weil diese Schnellstraße mautpflichtig ist, quälen sich täglich zigtausende Autos und Lastwagen über die alte Landstraße. Mitten durch den malerischen Ort. Was in Altea einen Dauerstau provoziert, der stinkt und alle nervt. Ähnlich chaotisch geht es in vielen Dörfern entlang der „weißen Küste“ zu.

Doch statt das Nadelöhr-Problem einfach per Federstrich zu lösen, die Kassenhäuschen zu schließen und die Autobahn AP-7 entlang dieser Urlaubsorte kostenfrei zu machen, will der Amtsschimmel die zauberhafte Küstenlandschaft mit einer weiteren vierspurigen Schnellstraße zubetonieren, gleich neben der bestehenden Maut-Asphaltpiste. Die ist meist gähnend leer und könnte locker den gesamten Verkehr aufnehmen. Eine Maßnahme, die auch noch von der EU mit Millionen bezuschusst werden soll.

„Variante“ nennen die Bürokraten im zuständigen spanischen Verkehrsministerium verharmlosend die Straßenschlange, die Pinienwälder und Orangenhaine frisst. Ein gigantisches Umfahrungsstraßen-Projekt, das die heute in Spanien regierenden Sozialdemokraten von ihren konservativen Vorgängern erbten und welches Umweltschützer schon länger als „Straßen-Wahnsinn“ verurteilen. Auch lokale Volksvertreter schütteln entsetzt die Köpfe. „Wir werden dagegen kämpfen“, kündigt Alteas Bürgermeister Miguel Ortiz an, der in dieser Schlacht den ganzen Ort hinter sich hat.


Bürger sammeln Unterschriften

„Der schwere Eingriff in die Umwelt“ müsse verhindert werden, beschloss der Dorfrat. Stattdessen solle die AP-7-Autobahn gratis werden. Das reizvolle Küstendorf mit seinen gepflasterten Altstadtgassen, weißgekalkten Häusern und der alles überragenden Kuppelkirche werde bereits heute „erwürgt durch die Landstraße, die Eisenbahnlinie und die Autobahn“, klagt Paca Silva von der Regionalpartei Bloc. Die Bürger sammeln fleißig Unterschriften gegen das geplante achtspurige Asphaltband vor ihrer Nase.

Doch Altea ist im Grunde überall: Allein in der Küstenregion Valencia, zu der auch das südlich liegende Alicante gehört, sollen bis zum Jahr 2010 die Autobahn- und Schnellstraßenkilometer von 900 auf 1800 Kilometer verdoppelt werden. Damit eine „wirkliche Alternative zur kostenpflichtigen Autobahn AP-7 besteht“, begründet man mit Unschuldsmiene im Ministerium. Die Alternative, der Rückkauf der Mautlizenz vom privaten AP-7-Betreiber, wird knapp als „zu teuer“ abgelehnt.


Üppige Hilfe von EU

Auch im Rest Spaniens, wo die Bewohner heute schon dank üppiger EU-Hilfe über eines der modernsten Autobahnnetze des Kontinents brausen, will man für 62 Milliarden Euro von 9000 auf 15.000 Autobahnkilometer aufstocken. Am Mittelmeer, Atlantik, in Zentralspanien oder Andalusien – überall sind neue vier- bis sechsspurige Pisten geplant. Spanien – das Autobahnparadies. Ziel sei, so das spanische Verkehrsministerium, dass alle Menschen „weniger als 30 Kilometer von einer Autobahn entfernt wohnen“.

Der sozialdemokratische Regierungschef José Luis Zapatero bilanziert zufrieden, Spanien sei in den vergangenen 20 Jahren ein modernes Land geworden. So modern, warnt Umweltministerin Cristina Narbona, dass die Mittelmeerküste bald – wenn der Siedlungs- und Straßenbau nicht gestoppt werde – „einer großen Zementmauer“ gleiche.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2007)