Huygens: Aus den frostigen Titan-Sümpfen

Rauschen, Piepsen, Fotos von Eisbrocken und Kanälen, Hinweise auf Kohlenwasserstoff-Sumpf: Was die europäische Sonde Huygens brachte.

"Für mich Laien sieht's dort genauso aus wie auf dem Mars. Kann's sein, dass die sich vertan haben und jetzt die Bilder von der verschollenen Beagle kommen?" Das lapidare Posting auf der Homepage des ORF gibt ganz gut wieder, wie wenig "aufregend" die Fotografien aussehen, die die europäische Raumsonde Huygens via US-Mutterschiff Cassini an irdische Forscher gefunkt hat. Aber, bei aller Unschärfe: Es sind die in größter Entfernung "geschossenen" Fotos, die wir kennen: Titan, der größte Mond des Saturns, ist 1,2 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt.

350 Bilder sind es, 700 waren geplant gewesen, doch einer der zwei Übertragungskanäle ist ausgefallen - was David Southwood, Wissenschaftsdirektor der Europäischen Weltraumagentur ESA, als "Opfer an die Götter" bezeichnete. Verloren gegangen sind auch Daten, die durch Wind auf dem Titan entstehen hätten sollen. Spekulationen, die US-Muttersonde Cassini sei falsch programmiert gewesen, schuld sei also die mächtige US-Schwester Nasa, wies Southwood zurück: "Für das, was passiert ist, ist nur die ESA verantwortlich." Jedenfalls hätten ihn "die ersten Ergebnisse umgehauen".

Was zeigen die Bilder? Der erste Eindruck, es handle sich um eine Steinwüste, trügt. Die Brocken, die aussehen wie Steine, seien aus (Wasser-)Eis und nur etwa 15 Zentimeter hoch, erklärte US-Wissenschaftler Marty Tomasko. Die weißen Flächen könnten Bodennebel sein, natürlich nicht aus Wasserdampf, dafür ist es auf dem Titan deutlich zu kalt: Bei minus 180 Grad Celsius und einem um die Hälfte höheren Druck als auf der Erde sublimiert Wassereis kaum.

Wahrscheinlich besteht der Nebel so wie die dichten, (wohl durch komplexere Verbindungen) orange gefärbten Wolken, die den Titan umgeben, hauptsächlich aus Methan (CH4), dem einfachsten Kohlenwasserstoff, den wir als Erdgas kennen. Der nächste Kohlenwasserstoff, Ethan (C2H6), ist bei Titan-Temperaturen flüssig, könnte also als Regen niedergehen - ebenso wie höhere Kohlenwasserstoffe (Propan, Butan) - und die Seen und Flüsse füllen, die ihrerseits die Oberfläche modellieren: "Kanäle, Schluchten und vielleicht auch eine Küste", macht Tomasko aus. Er vermutet, dass Huygens in einer sumpfartigen Fläche gelandet ist, oder in einer Art nassem Sand. Man habe auch Hinweise auf "Wettergeschehen".

Im ESA-Zentrum in Darmstadt wurden freudig auch Klänge präsentiert, die dem als "Hasi" abgekürzten "Huygens Atmospheric Structure Instrument" entstammen. Erstens weißes Rauschen, das nach strenger Elektronik-Avantgarde klingt. Zweitens Töne, die aus Radarmessungen konstruiert wurden: eine Mini-Melodie, die an Spielhallen erinnern mag, sich höher schraubt, bis zu einem Glissando in den höchsten Tönen. "Sie sind alle zu einer Techno-Party auf dem Titan eingeladen", hieß es, die Samples wird man wohl bald in Dancefloor-Tracks hören.

Gut, das ist Spielerei. "Die genaue Analyse erfordert Zeit", hieß es. Interessant wird etwa, was die chemischen Analysen, die von der Gaschromatograf/Massenspektrometer-Messungen kommen, wirklich ergeben.

Verblüffen mag, dass von Huygens gar keine weiteren Daten mehr auf der Erde einlangen werden und das auch gar nicht geplant war: Die 350 Kilogramm schwere Sonde liegt in ihrem Kohlenwasserstoff-Sumpf, sie hat ihre Schuldigkeit getan. Kein Kontakt mehr zum 5,6 Tonnen schweren Mutterschiff Cassini: Es reist allein weiter, soll den Saturn bis 2008 an die 70 Mal umrunden und 45 Mal am Titan vorbeifliegen.

Die Erde verlassen hat das amerikanische-europäische Tandem am 15. 10. 1997 in Cape Canaveral, Florida. Es wurde viermal von Planeten beschleunigt: zweimal von der Venus (4/1998, 6/1999), einmal von der Erde (8/1999), einmal vom Jupiter (12/2000). Am 25. 12. 2004 wurde Huygens abgekoppelt, am 14. 1. 2005 um 11.13 Uhr MEZ begann der Abstieg auf Titan.

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