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Hausnummern: Die Erfassung der Seelen

Griff des Staates nach Soldaten: Der Wiener Historiker Anton Tantner untersucht die Geschichte der Hausnummern.

Wann ist Geschichte spannend - und dazu noch ein Augenöffner? Wenn sie Dinge, die wir für selbstverständlich halten, in Frage stellt, deren Entstehung zeigt, kurz: historisiert. Je banaler, desto instruktiver.

Hausnummern zum Beispiel. Die sind nämlich nicht vom Himmel gefallen. Dass es sich bei deren Geschichte keineswegs um eine unbedeutende Fußnote handelt, zeigen die Forschungen des Wiener Historikers Anton Tantner, derzeit Junior Fellow am IFK, dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften. Der Krieg mag zwar nicht der Vater aller Dinge sein, aber die Hausnummern gehen auf sein Konto. Diese hießen nämlich bei ihrer Einführung 1770/71 bezeichnenderweise "Konskriptionsnummern" und waren Teil eines neuen Rekrutierungssystems. In Wien wurden sie mit roter, in vielen anderen Teilen des Habsburgerreiches mit schwarzer Farbe auf die Hauswände oberhalb der Tür aufgetragen. Gegen diese staatliche Erfassung der Bürger regte sich Widerstand. An mehreren Orten wurden die Nummern "mit Koth verschmehret". Auch Adelige war "not amused", da ihre Palais mitnummeriert wurden, ein gleichmacherischer Nebeneffekt also.

Um den Zugriff auf die Untertanen abzusichern, erließ Kaiserin Maria Theresia am 15. 12. 1770 ein weiteres Hofdekret, das es ihren Untertanen verbot, ihren Familiennamen zu ändern. Mit diesem Trick hatten bis dato viele junge Männer versucht, sich aus den "Konskriptionstabellen" zu stehlen.

Freilich gab es bereits vor Einführung der Hausnummern ein Leitsystem: Jedes Haus hatte einen Namen, aufgemalt auf einem Schild. In der Praxis funktionierte das einigermaßen, problematisch war die Namensgleichheit. Wer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien und Vorstädten das Haus "Zum goldenen Adler" suchte, hatte die Wahl zwischen 29 Adressen! Keine ideale Voraussetzung, wenn man Steuern eintreiben und Soldaten rekrutieren will.

Die Konskriptionsnummern wurden nicht für einzelne Straßen, sondern für ganze Ortschaften bzw. Stadtviertel eingeführt, was die Orientierung nicht unbedingt erleichterte. Beim Abriss eines Hauses verschwand eine Nummer, neue Gebäude, gleich wo sie gebaut wurden, erhielten die nächsthöhere Nummer. In Wien komplettierte die Eingemeindung der Vorstädte ab 1850 das Nummernchaos, erst 1862 wurden gassenweise Hausnummern eingeführt - und zwar zusätzlich zu den Konskriptionsnummern. Diese wurden 1874 nochmals neu vergeben und finden sich heute noch im Innern vieler Häuser, in den Wiener Bezirken eins bis neun entsprechen sie noch den Grundbuchseinlagezahlen.

Die Einführung der Hausnummern war ein europaweites Phänomen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um nur ein paar Hausnummern zu nennen: Madrid 1750, Triest 1754, Tirol 1767, Genf 1782, Ungarn 1786. In Venedig wurden sie unter habsburgischer Herrschaft 1801 an die Wand gepinselt - und in der Lagune ist ja bekanntlich die Zeit stehen geblieben. Touristen müssen auf der Suche nach einem Hotel noch heute oft ganze Viertel durchstöbern, denn dort hat jedes "Sestiere" nach wie vor seine eigene Nummernfolge, die in die Tausende geht.

Über deutsche Städte rollte in den 1790er Jahren eine Nummerierungswelle in Form der französischen Revolutionstruppen. Die Besatzer mussten sich ja orientieren, so auch in Köln. Und so soll das Kölnisch Wasser, das Eau de Cologne, zu seinem Namen gekommen sein. Das Haus, in dem sich später der Duftwasserproduzent Mülhens niederließ, erhielt die Nummer 4711.

Anton Tantner spricht heute, 18. April, um 18 Uhr im IFK (Wien 1, Reichsratsstraße 17) über "Die Adressierung der Stadt". Homepage mit Galerie der Hausnummern:

http://tantner.net