KryosPhäre. Europäischer Satellit soll erstmals das Volumen allen Eises messen.
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as Raumschiff hatte heute einen Ruhetag, da die Ladung der Batte rien und alle anderen Gesund heitsdaten fein sind. So kann es sich geistig auf die große Reise vorbereiten. Die Trägerrakete wurde betankt. Wir alle schauen nach vorne: zum Samstagnachmittag." So launig steht es im Tagebuch von Eurockot am 6. Oktober: Das Raumschiff ist ein Satellit der Europäischen Raumbehörde ESA, er heißt Cryosat und soll erstmals die Mächtigkeit aller Eisfelder der Erde vermessen. Und die Trägerrakete hat auch etwas Besonderes: Vom russischen Startgelände Plessezk soll am Samstag um 17.02 Uhr unserer Zeit eine Breeze-KM abheben, das ist eine verstärkte Version der SS-19, der Interkontinentalrakete, in die die Sowjetunion in den 70er und 80er Jahren ihre Atombomben gepackt hatte. Durch die Start-Abrüstungsverträge wurden die 300 Exemplare entbehrlich, sie müssen verschrottet werden, der lukrativste Weg ist der Schuss ins All, er liegt in den Händen des russisch-deutschen Konsortiums Eurockot.
Die SS-19 war im Westen gefürchtet - sie wurde von der Nato "Stilett" genannt -, bei Testflügen ist nie eine abgestürzt, man darf mit Grund hoffen, dass sie ihre Fracht sicher auf die geplante Umlaufbahn in 720 Kilometer Höhe bringen wird. Dort soll Cryosat drei Jahre lang exakt vermessen, was bisher nur grob geschätzt werden kann, das Volumen des Eises auf der Erde. Alles zusammen heißt "Kryosphäre" und bindet 90 Prozent des Süßwassers. Wieder 90 Prozent des Gefrorenen lagert in der Antarktis, gefolgt von Grönland: Würden beide abschmelzen, würden die Meere um 70 Meter steigen. Keine Sorge, für die nächsten hundert Jahre ist dergleichen nicht zu fürchten, der Uno-Klimabeirat IPPC rechnet mit einer zusätzlichen Erhöhung aus diesen Regionen um 0,1 bis 0,3 Millimeter pro Jahr (insgesamt haben sich die Meere in den letzten 100 Jahren um 15 Zentimeter erhöht, derzeit steigen sie um 0,8 Millimeter pro Jahr).
Aber die Prognosen sind allenfalls über den Daumen gepeilt, schon das bloße Volumen des Eises ist unbekannt, und die Folgen der Erwärmung sind es auch: In der Antarktis etwa brechen an den Rändern riesige Eisflächen weg, aber im Inneren kommt mehr Schnee, in Grönland ist es ähnlich. Ganz dünn sind die Fakten über unsere Klimamaschine, das Eis, das auf dem Nordpol schwimmt. Falls es verschwindet, wäre keine Meeresspiegelerhöhung zu befürchten - weil es eben auf dem Wasser schwimmt, nicht vom Land kommt -, aber die Folgen könnten dramatisch sein. Eis reflektiert 80 Prozent des Sonnenlichts, ein offener Ozean 20 Prozent, das Schmelzen des Nordpol-Eises würde die Erwärmung vor allem im Norden beschleunigen. Dann käme mehr geschmolzenes Süßwasser in den Nordatlantik, dann wäre die Meeresströmung gefährdet, die Europa Milde bringt, der Golfstrom. Oder doch nicht? Eis isoliert, es verhindert, dass das Wasser darunter Wärme abstrahlt. Weniger Eis - Abkühlung?
Wäre, hätte, könnte. Die Spekulationen sind hoch, die Kenntnisse gering, am ehesten weiß das Militär Bescheid, unter dem Nordpol-Eis tauchen und messen U-Boote. Aber die Daten bleiben geheim. Und bisherige Satelliten können nur die Fläche des Eises messen, letzte Woche kam der jüngste Alarm: Das Nordpol-Eis schmilzt immer rascher, in hundert Jahren könnte es im Sommer weg sein. Aber in dieser Rechnung fehlt etwas, die Dicke: Bisherige Satelliten können plane Flächen messen, für ruhiges Wasser sind sie gut, aber Eis türmt sich, und das vor allem dort, wo bisherige Satelliten von ihren Flugbahnen aus gar nicht hinschauen können, an den Rändern der Eisflächen.
Cryosat hat eine darauf optimierte Flugbahn, und Cryosat kann in drei Dimensionen messen: Der Satellit soll Radarwellen in das Eis schießen und die Reflexion mit zwei Antennen auffangen, dann kann man das Eis berechnen.