Der Grippe-Tod von drei Menschen in Thailand lässt fürchten, dass der Schrecken auf dem Weg ist.
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ie Patientin erkrankte drei bis vier Tage, nachdem sie in ihrem Haus mit sterbenden Hühnern in Be rührung war. Ihre Mutter, die keinen Kontakt mit Geflügel hatte, kam aus einer entfernten Stadt, um die Tochter im Hospital zu pflegen. Nach 16 bis 18 Stunden Pflege starb sie. Die Tante, die auch zur Pflege angereist war, starb sieben Tage später." Ist dieser dürre Krankenbericht im New England Journal of Medicine (Nejm), dem führenden Medizin-Journal (325, S. 333), der Beginn der gefürchteten Influenza-Pandemie, die alle anderen Bedrohungen in den Schatten stellen und die Welt lahm legen würde, weil die Medizin keine Gegenmittel zur Hand hat und als einzige rasche Reaktion die Einstellung des internationalen Verkehrs zur Verfügung stünde?
Begonnen hat alles 1997, als in Hongkong ein neuer Typ des Influenza-Virus auftauchte: H5N1. Der Name kommt von den beiden Proteinen in der Virenhülle, Hämagluttinin und Neuraminidase, es gibt sie in verschiedenen Ausformungen, daher die Nummern. 1997 also tauchte die neue Variante in Hongkong auf, sie war für Geflügel absolut tödlich und befiel auch Menschen, sechs starben. Eine Blitzaktion - die Notschlachtung aller 1,8 Millionen Hühner und Enten in Hongkong - konnte den Schrecken abwenden, H5N1 verschwand irgendwo. 2004 war es wieder da, in Vietnam, in Thailand, 54 Fälle bilanziert die Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO am 28. Jänner 2005, 41 sind gestorben.
Beim Geflügel und seinen wilden Verwandten - vor allem Enten - kann niemand Statistik führen, nur die Kadaver lassen sich zählen: "Nie hat die Welt so einen Ausbruch der Hühnergrippe gesehen", erklärt Klaus Stöhr, der WHO-Spezialist für Influenza: "Über 120 Millionen Tiere sind verendet oder wurden geschlachtet." Darin steckt auch eine Hoffnung. Nach dem Ausbruch in Hongkong hatte man das Schlimmste befürchtet: Das Virus war erstmals direkt von Geflügel auf Menschen übergegangen, früher waren Schweine als Zwischenwirte erforderlich. Und der Kontakt zwischen Menschen und Geflügel ist in Ostasien innig, unzählige Kleinbauern halten ihre Hühner und Enten an oder in ihren Hütten. Trotzdem passierte sechs Jahre lang nichts, vor allem der worst case blieb aus: die direkte Übertragung von Mensch zu Mensch. Soll sie möglich werden, müssen sich Vögel-Viren mit Viren mischen - genetisch rekombinieren -, die es unter Menschen gibt. Das ist jetzt in Thailand vermutlich passiert - "probable person-to-person-transmission", formulieren die Ärzte in Nejm -, aber sechs lange Jahre vorher nicht. Vielleicht kann H5N1 nicht gut mit anderen Typen rekombinieren, oder es verliert dabei seine Gefahr, spekuliert Stöhr (Nejm, 352, S. 4): "Es könnte auch schieres statistisches Glück sein."
Klären lässt sich das nur auf zwei Wegen. Entweder tauchen neue Opfer auf, die nicht nur "wahrscheinlich" daran gestorben sind, das wäre die böse Variante. Oder man findet im Labor heraus, ob sich H5N1 mit Menschen-Viren zusammentun kann, das ist die riskante Variante: Das Teufelszeug darf nicht entkommen, ein Versuch läuft, in einem Höchstsicherheitslabor, er ist ebenso hoch umstritten. Aber er böte die einzige Chance, rechtzeitig einen Impfstoff zu entwickeln. Gegen eine mögliche Kombination von H5N1 und HxNy wäre niemand immun, weil es diesen Erreger zuvor nie gegeben hat. Und erst wenn man ihn kennt, kann man einen Impfstoff produzieren, das macht man herkömmlicherweise mit lebenden Hühnereiern. Aber H5N1 tötet Eier.
Selbst wenn man einen Ausweg findet, braucht es von der Entwicklung eines Impfstoffs bis zur Massenproduktion sechs Monate, mit dem heutigen Flugverkehr wäre das Virus dann überall auf der Erde (Science, 306, S. 392). Zwar gibt es alternative Verfahren, und bei bei der Pharmafirma Baxter liegt ein in Österreich (von der früheren Immuno, die heute zu Baxter gehört) entwickeltes Verfahren bereit, mit dem sich die Frist auf neun Wochen drücken ließe. Nur wäre auch dann das Virus schon hier.
Wenn es nicht schon hier ist, Ende Oktober griffen die Zöllner am Flughafen von Brüssel einen Schmuggler mit besonderer Ware auf, zwei lebenden Adlern aus Thailand, beide mit H5N1 (Science, 306, S. 793). Aber es geht nicht so sehr um Schmuggelgut, das größere Risiko wären die Reisenden selbst. Die WHO empfiehlt für den Fall der Fälle Kontrolle an Abflug-Flughäfen, weiß aber, dass "die globale Ausbreitung nicht gestoppt werden kann: Selbst im günstigsten Fall wird die nächste Pandemie zwei bis sieben Millionen Leben kosten. Ist das Virus sehr virulent, wären es signifikant mehr".