Die Entwicklung der Fledermäuse ist schwer zu erhellen, es gibt wenige Fossilien. Nun springen die Gene ein.
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och ehe bei uns an schönen Tagen die Sonne zur Rüste gegangen ist, beginnt eine der merkwürdigsten Ordnungen ihr Leben. Je mehr die Dämmerung hereinbricht, um so mehr treten diese dunklen Gesellen auf, bis mit eintretender Nacht alle munter geworden sind und nun ihr Wesen treiben." So beschrieb Alfred Brehm jene Tiere, deren zwitterhafte Gestalt und verborgene Lebensform ihnen in vielen Regionen der Erde einen bösen Ruf eingetragen hat, von dem der Boten des Todes bis zu dem des Teufels selbst, im mittelalterlichen Europa hat man sie zur Abwehr der Dämonen an die Stalltüren genagelt. Nur in China schätzt man sie, das Wort "fu" bedeutet nicht nur "Fledermaus", sondern auch "Glück".
Das flattert, außer in der Antarktis, auf allen Kontinenten herum, es ist das einzige Säugetier, das das aktive Fliegen erfunden hat, und es hat im wissenschaftlichen Namen nichts mit Mäusen oder anderen Nagern zu tun, sondern heißt Chiroptera, Handflügel. 20 Prozent aller lebenden Säugetier-Arten gehören dazu, manche naschen an Früchten, andere jagen Insekten, wieder andere saugen Blut, manche haben eine Flügelspannweite von 1,70 Meter, andere bringen ganze 1,9 Gramm auf die Waage. Aber wo sie herkommen und wie sie sich entwickelt haben, ist umstritten, es liegt so tief im Dunkel wie das Leben der Fledermäuse selbst, die fossilen Spuren sind rar. Nun sollen die Gene aushelfen, ein internationales Team hat 30 - der insgesamt 1100 Arten verglichen und daraus die Stammbäume rekonstruiert: "Wir vermuten, dass der gemeinsame Ahn vor 64 Millionen Jahren entstanden ist, möglicherweise im heutigen Nordamerika" (Science, 307, S. 580).
Zwölf Millionen Jahre später erlebten sie eine Diversifizierung und Ausbreitung, "einen ,Big Bang', der beispiellos ist in der Geschichte der Säugetiere". Er kam offenbar durch einen Klimawandel, in dem sich die Erde global und rasch um sieben Grad erwärmte. Der ließ die Pflanzen aufblühen und die Insekten, ein großer Ast der Fledermäuse, die Mikro-Chiropteren, spielte die zweite große Erfindung aus, die des Echolots, das die nächtliche Jagd ermöglicht.
Aber nicht alle Fledermäuse haben diese Fähigkeit, die Mega-Chiropteren - die früchtefressenden Fledermäuse der Alten Welt - brauchen sie nicht und haben sie nicht. Aber einer ihrer Ahnen hatte sie. Das hat zu einem Streit darüber geführt, ob die Echolokation - und vielleicht auch das Fliegen - zweimal unabhängig voneinander entstanden ist. Oder ob sie doch nur einmal entwickelt wurde und von manchen Arten wieder abgelegt wurde. Die jetzigen Analysen sprechen für letzteres Szenario. Zum Überprüfen bräuchte man mehr Fossilien: 61 Prozent der Fledermaus-Geschichte haben nur in den Genen Spuren hinterlassen.