Pluto, Bestandteil der Kultur?

Astronomie. Forscher in Begriffs-Not: Die Sonne hat entweder acht Planeten oder 24.

S
eit dem vorletzten Wochenende ist die Ordnung am Himmel dahin: Mike Brown, Astronom am California Insti tute of Technology, Pasadena, hatte die Entdeckung eines zehnten Planeten bekannt gegeben, er heißt vorläufig UB313 und ist noch ein bisschen weiter weg von der Sonne als der bisherige äußerste, Pluto. Die Nachricht brachte Bewegung ins Internet: Allen Stern, Southwest Institute, der für die Nasa eine Pluto-Mission vorbereitet, alarmierte die community. Sie möge binnen einer oder maximal zwei Wochen zu einer verbindlichen Entscheidung darüber kommen, ob der Neue ein Planet ist - und was ein Planet überhaupt ist.

"Es gibt keine richtige Definition", erklärt Günther Wuchterl, österreichischer Astrophysiker an der Uni Jena und erfolgreicher Planetenjäger - ihm gelang im Frühjahr die erste direkte Beobachtung eines Planeten außerhalb des Sonnensystems. Früher konnte man sie nur indirekt detektieren, den ersten fand man 1995, inzwischen kennt man über 150. Und sie haben das Defizit einer Planeten-Definition immer heller ans Licht gebracht. Früher war eben ein Planet, was um unsere Sonne kreiste, aber die neuen haben oft ganz andere Eigenschaften, manche sind etwa viel größer.

Das, die Masse, ist einer der dünnen Fäden, aus denen die bisherige Definition gewoben ist. Nach oben gibt es eine Grenze: Planeten sind Himmelskörper, die, anders als Sonnen, nicht verbrennen, in ihrem Inneren läuft keine Kernreaktion. Die kann erst ab einer Größe von 13 Jupiter-Massen anheben, Planeten müssen kleiner sein. Wie klein dürfen sie sein? Das ist weniger klar, hier kommt Pluto ins Spiel, der kleiner ist als der Mond (und der neue Fund). Er wurde nach einem zweiten Kriterium zum Planeten ernannt, nach den Bahnbewegungen anderer Planeten. Irgendetwas stimmte mit denen von Uranus und Neptun nicht, man vermutete einen Planeten, fand ihn aber lange nicht an der gesuchten Stelle.

1930 war er da, damals schon "seltsam" (Wuchterl): Er war klein und wurde mit steigender Messgenauigkeit immer kleiner - und schließlich bemerkte man, dass Pluto und Neptun die Sonderbarkeit ihrer Bahnen selbst machten: "Es hat sich gezeigt, dass dort gar kein Planet fehlt", erklärt Wuchterl: "Alles, was die Pluto zu einem Planeten gemacht hat, ist durch genauere Messungen zu Ungunsten der Planeten-Eigenschaft verändert, deshalb steht er jetzt in Frage."

Und das nicht nur durch UB313. Man kennt in der Region noch andere Himmelskörper und vermutet weitere: Würden sie alle wie Pluto behandelt, hätte das Sonnensystem nach Schätzung Sterns 24 Planeten. Also anders herum? Pluto herabstufen? Er ist der Menschheit so ans Herz gewachsen, dass auch diese Aussicht das Internet mit Mails füllte. "Mit den Planeten hat die Astronomie begonnen, die Babylonier haben sie beobachtet und daraus den Kalender entwickelt", erklärt Wuchterl: "Deshalb sind sie so ein heißes Thema." So heiß, dass Brown, der Entdecker von UB313, zum semantischen Rückzug bläst: "Das Wort ,Planet' ist kein wissenschaftliches Wort, es ist ein kulturelles Wort" (http://space.com).

"Damit macht er es sich zu leicht, ,Planet' ist schon mehr als nur ein Wort", widerspricht Wuchterl und erinnert daran, dass schon andere den Ehrentitel verloren haben: "Im ptolomäischen Weltbild, in dem die Erde das Zentrum war, war der Mond ein Planet. Als Folge der kopernikanischen Wende wurde er degradiert, das war der größte Schritt in dieser Frage, Pluto wäre demgegenüber eine kleine Adjustierung."

Was ist nun ein Planet? Für Wuchterl ist zweierlei entscheidend, die Entstehung - aus kleinen Brocken ("Planetisimale") in Scheiben - und die Regentschaft über eine Umlaufbahn - "da muss er der Chef der Gravitation sein". Ob diese Kriterien sich durchsetzen, wird sich spätestens in einem Jahr zeigen. Dann tagt die International Astronomical Union, die oberste Himmelsbehörde: "So eine gravierende Entscheidung kann nur die Generalversammlung treffen."


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