Überraschung: Das X-Chromosom arbeitet bei den Geschlechtern verschieden.
Es gibt nicht ein menschliches Ge nom, sondern zwei: das männliche und das weibliche." Drastisch fasst Huntington Willard, Molekularbiologe der Duke University, zusammen, womit das X-Chromosom auch Fachkundige überrascht: 25 Prozent der X-Gene arbeiten bei Frauen anders als bei Männern, auch unter Frauen herrscht Vielfalt, jede hat ihr eigenes X-Profil (Nature, 434, S. 400). Das ist ein Aspekt der nun vorliegenden Sequenz des Chromosoms, das mit seinem Gegenstück Y ein eigenartiges Gespann bildet.
Vor 300 Millionen Jahren noch waren die beiden ganz gewöhnliche Chromosomen wie alle anderen 44 auch. Die liegen paarweise nebeneinander, die Partner sind gleich lang - "Autosome" - und tragen Gene mit den unterschiedlichsten Funktionen. Aber eines der Autosome spezialisierte sich vor 300 Millionen Jahren, als die Säugetiere entstanden: X und Y drifteten auseinander, sie sorgen (unter anderem) für die Bestimmung und das Funktionieren des Geschlechts, Frauen haben XX, Männer XY. X und Y tauschen kaum Gene, Y ist dadurch schon so bedrohlich geschrumpft - auf unter 100 Gene -, dass manche das absehbare Ende dieses Geschlechts befürchten.
Das ist bekannt. Nicht bekannt war bisher das Agieren von X. Weil Frauen zwei davon haben und Männer nur eines, wird bei Frauen eines stillgelegt: Sie hätten sonst eine doppelt so hohe Gen-Aktivität wie Männer, doppelt so viel von den Proteinen, die von Genen des X-Chromosoms produziert werden, "kodiert". So steht es seit 45 Jahren in den Lehrbüchern unter dem Titel "X-Inaktivierung". Es stimmt nur nicht: 15 Prozent der Gene entgehen bei allen Frauen der Inaktivierung, noch einmal zehn Prozent bei manchen. Sie sind im X-Chromosom ein Viertel anders als Männer, aber jede Einzelne hat auch ganz individuelle Gen-Aktivitäten, selbst in jedem Frauenkörper herrscht Differenz, einzelne Gewebe haben unterschiedliche Gen-Mosaike.
X hat mehr Überraschungen: "Gene" sind die DNA-Stücke, die Proteine kodieren. Davon hat X wenige - 1098 -, aber gefährliche, 10 Prozent kodieren Proteine, die man in Tumoren findet ("cancer-testis antigens"). Zudem trägt X nur vier Prozent zum Genom bei, aber 10 Prozent zu den Mendel'schen Krankheiten, die von der Mutationen eines Gens kommen (Nature, 434, S. 325). Statt der Gene hat X anderes im Überfluss, DNA, die kein Protein kodiert und häufig "junk" genannt wird. "As the rock band U2 would say", kommentiert Nature lyrisch (434, S. 280): "The X moves in mysterious ways."