Reproduktionsmedizin. Erste Prä-Implantations-Diagnostik in Österreich.
WIEN. "Vor zwei Wochen haben wir erstmals eine Prä-Implantations-Diagnostik, kurz PID, in Österreich durchgeführt", berichten Genetiker Markus Hengstschläger (Uni Wien) und Reproduktions-Mediziner Wilfried Feichtinger: "Jetzt ist das Verfahren etabliert." Entwickelt wurde es vor zehn Jahren in den USA, um die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung zu steigern, das ist auch das primäre Ziel von Hengstschläger und Feichtinger, die gemeinsam in Hietzing das "Kinderwunsch-Zentrum" betreiben. Dorthin können sich Paare wenden, die auf natürlichem Wege binnen eines Jahres kein Kind zeugen konnten, dann versucht man es mit verschiedenen Methoden, ultima ratio ist die PID, bei der Eizellen der Frau unter dem Mikroskop mit Samenzellen des Mannes verschmolzen werden.
Aber die Erfolgsrate ist suboptimal: 50 Prozent aller verschmolzenen Zellen haben so schwere genetische Defekte - vor allem eine falsche Zahl von Chromosomen -, dass sie erst gar nicht zu einem Embryo werden oder nach wenigen Tagen tot geboren werden. Das ist auch bei der natürlichen Zeugung so, aber dort geschieht es meist unbemerkt. Und auch die Reproduktionsmedizin sieht es den Zellen nicht von außen an, sie muss die Gene analysieren, Hengstschläger hat reiche Erfahrung. "So schwierig wie bei dem Verfahren, das wir anwenden, ist es nirgends sonst", erklärt der Forscher. Die PID kennt zwei Methoden: Die eine entnimmt einem Embryo Zellen und analysiert die. So wird es meistens gemacht, es ist technisch einfacher, hat aber das Risiko, dass durch den Eingriff Schäden entstehen.
Deshalb geht man in Wien den zweiten Weg, er führt über die "Polkörper", die nicht zur Eizelle gehören, aber dieselben Gene wie sie enthalten. Sie sind, grob gesprochen, Mülleimer: Jede Körperzelle hat zwei Chromosomen-Sätze. Sollen zwei Keimzellen miteinander verschmelzen, muss jede vorher einen Satz loswerden, sonst hätte die verschmolzene Zelle vier Chromosomen. Die Eizelle lagert ihre überschüssigen Chromosomen an die Zellwand aus, das sind die Polkörper. "Wenn man sie hat, kann man inverse Genetik betreiben", erklärt Hengstschläger: Ist in den Polkörpern eine falsche Chromosomenzahl, ist auch in den Eizellen eine. Aber man kann, zweitens, natürlich auch die Gene selbst analysieren, auf jene erblichen Krankheiten, die von der Mutation eines einzigen Gens verursacht werden, Morbus Huntington etwa, Veitstanz. Diese Krankheit zeigt die Grenzen des Verfahrens: Polkörper haben Gene nur von der Mutter, Veitstanz kann aber auch vom Vater kommen, er bliebe unbemerkt.
Aber ein Vater muss doch da sein, damit Eizellen überhaupt Polkörper bilden, deshalb arbeiten Feichtinger und Hengstschläger Hand in Hand und rasch. Der Reproduktions-Mediziner injiziert Sperma in eine Eizelle und saugt den sich bildenden Polkörper ab, dann ist der Genetiker an der Reihe. "Wir wollen fertig sein, bevor die Befruchtung abgeschlossen ist", erklärt Hengstschläger: "Das hat technische Gründe, aber auch ethische. Juristisch ist PID bei uns ja erlaubt, aber wir wollen auch im ethisch diskussionsfreien Raum bleiben." Diese Freiheit meint, dass es nach einer Definition solange nicht um Leben geht, solange die Kerne der Keimzellen nicht verschmolzen sind. Und zum Zeitpunkt der Polkörper-Analyse sind die Gene des Spermas zwar schon in der Eizelle, haben sich aber noch nicht mit ihren vermischt.
Kommen wird die Diskussion trotzdem, sie ist schon da. Zwar teilt die Mehrzahl der Experten die Ansicht, dass das Verfahren durch das Gesetz gedeckt ist: "Rechtlich völlig unbedenklich", urteilt Christian Kopetzki, Jurist und Mitglied der Bioethik-Kommission. "Das dürfte kein Problem sein", meint auch Michael Stormann vom Justizministerium. Grund: Das Fortpflanzungsmedizingesetz verbietet nur die Untersuchung von Samen- und Eizellen, nicht die von Polkörpern. Nur das Gesundheitsministerium hat eine andere Meinung und hält auch diese PID für rechtswidrig: "Das (ein Polkörper) ist kein zufälliges Abfallprodukt", erklärt der zuständige Jurist Gerhard Aigner.
Die Diskussion dürfte bald an Brisanz gewinnen, denn beim Polkörperverfahren, über das sich fast alle einig sind, dürfte es nicht lange bleiben: "Die erste echte Präimplantationsdiagnostik wird von Hengstschläger und Feichtinger angedacht", verrät der Vorsitzende der Bioethik-Kommission, Gynäkologe und Theologe Johannes Huber. Er selbst habe den Wissenschaftlern geraten, mit der Durchführung bis zu einer Gesetzesnovellierung zu warten.
Soviel zum Recht, in der Ethik scheiden sich die Geister. Zwar teilt auch der katholische Moraltheologe Günter Virt die Einschätzung seines evangelischen Kollegen Ulrich Körtner, dass das Polkörperverfahren moralisch erlaubt ist. Aber beim anderen winkt er ab: "Entscheidend ist, ob man mit einem bereits begonnenen Menschenleben hantiert oder oder nicht. Bei der Polkörperdiagnostik ist das nicht der Fall, bei anderen Arten der PID aber sehr wohl." Noch restriktiver argumentiert der Behinderten-Dachverband Lebenshilfe, der jede PID als "Selektion mit dem Ziel der Vernichtung menschlichen Lebens mit Behinderung" ablehnt.
Und was nicht das technische Verfahren angeht, sondern die Befunde, die es zu Tage fördert, werden die Fragen noch breiter: Wo führt die PID hin, etwa zum Designer-Baby, dem man schon im vorembryonalen Zustand ablesen kann, ob es die erwünschten Eigenschaften hat oder nicht? "Nein", versichern die beiden Ärzte. Zum einen ist der Test nur bei künstlicher Befruchtung erlaubt, nicht bei natürlich zustande gekommen Schwangerschaften. Und zum anderen ist die Macht der Gene und ihrer Analytiker beschränkt: Es gibt eher wenige Krankheiten, die durch ein defektes Gen entstehen, bei den meisten spielen viele zusammen: "Und bei dem, was am meisten interessiert - Intelligenz etwa - spielen Gene und Umwelt zusammen", erklärt Hengstschläger: "Wer dafür Genetik betreiben will, betreibt Scharlatanerie. Niemand wird je aus den Polkörpern heraus lesen, ob jemand einmal Mittelstürmer wird oder Verteidiger."