Neue Funktionen von "Spiegel-Neuronen" identifiziert.
Erinnern Sie sich an den James-Bond-Film, in dem der Agent im Bett liegt und beim Erwachen mit schreckgeweiteten Augen die Vogelspinne sieht, die über das Kissen auf sein Gesicht zusteuert? Die meisten Menschen können sich beim Betrachten dieser Bilder - und selbst bei der Erinnerung an sie - in den anderen Menschen hineinversetzen, fühlen, was er fühlt, denken, was er denkt. Wie das? In den frühen 90er Jahren gelang Hirnforschern um Giacomo Rizzolatti in Parma ein Zufallsfund: Sie beobachteten an Affen, was im Gehirn vorgeht, wenn die Tiere eine Aktion planen, etwa den Griff nach einer Erdnuss. Dann wird eine Region im frontalen Kortex aktiv, F5. Das hatte man erwartet, aber völlig überraschend wurde ein Teil von F5 auch dann aktiv, als die Affen beobachteten, dass einer der Experimentatoren nach einer Erdnuss griff.
Die "Spiegel-Neuronen" waren geboren, bald fand man auch in Menschen eine F5 entsprechende Hirnregion, im Broca-Areal. Das ist auch für die Produktion von Sprache zuständig, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass diese Neuronen beim Spracherwerb helfen, indem sie die Bewegungen der Lippen und Hände spiegeln. Zwar hat das niemand an Babys untersucht, aber im Vorjahr hat Rizzolatti die Hirnaktivität von Gitarren-Novizen gemessen, die beim Erlernen neuer Griffe ihren Lehrern auf die Finger sahen: F5 wurde aktiv.
Aber es spiegelt mehr als wahrgenommene Bewegungen, Rizzolatti hat noch ein Experiment erdacht: Probanden wurde in einem Video der Griff einer Hand zu einer Kaffeetasse vorgeführt, in drei verschiedenen Situationen. Einmal stand die Tasse auf einem nackten Tisch, das andere Mal auf einem frisch gedeckten Tisch, das dritte Mal auf einem nach dem Frühstück. F5 wurde immer aktiv, aber in unterschiedlicher Intensität - am schwächsten beim nackten Tisch -, und in verschiedenen Subregionen. Die Spiegel sind also keine schlichten Spiegel, sie können beobachtete Bewegungen in Kontexte einordnen und daraus auf die nächste Bewegung bzw. ihren Zweck schließen: Die Hand, die zur Tasse auf dem gedeckten Tisch greift, hat anderes vor als die, die ans Abräumen geht (Plos, März 2005).
So wird der Betrachter aus James Bonds erster Reaktion die nächste Szene vorhersehen können - aber damit ist noch nicht erklärt, warum man seinen Schrecken teilt. Dafür sorgen offenbar andere Spiegel im Gehirn. Ihnen ist Christian Keysers (Groningen) auf der Spur, er hat zur Illustration die Bond-Szenen auf einem Kongress vorgespielt (Science, 308, S. 945). Natürlich experimentiert er nicht mit Spinnen, seine Versuchspersonen wurden mit Bürsten unmerkbar leicht an den Beinen berührt. Das sahen sie entweder direkt oder über Video - die Neuronen in einer für Berührung zuständigen Hirnregion reagierten in beiden Fällen gleich. Zeigte aber das Video, dass die Bürsten nur sehr nahe kamen und nicht berührten, blieb die Hirnregion inaktiv. Das Gehirn übersetze mit diesen Spiegeln visuelle Eindrücke in Gefühle, interpretiert Keyser: Deshalb unsere Gänsehaut beim Anblick der Spinne nahe Bonds Kopf.
Aber nicht alle Menschen reagieren so, manchen fehlt die Fähigkeit, Gemütslagen von den Gesichtern anderer abzulesen: Nach manchen Hirnverletzungen und bei Autismus ist der Spiegel zerbrochen oder gar nicht erst geschliffen worden.