Australiens Raubtiere waren und sind die Meister im Zubeißen.
Wer hat den kräftigsten Biss? In der heutigen Tierwelt tippt man gerne auf die Hyänen, unter den Ausgestorbenen erregen die mit den Säbelzähnen die größte Aufmerksamkeit. Aber der Schein trügt: Heute führt der Beutelteufel, ein 70 Zentimeter langer und 12 Kilo schwerer Räuber in Australien, der drei Mal so stark zubeißt wie ein gleich großer Hund. Und auch der absolute Rekordhalter kommt aus Australien, es war der Beutellöwe Thylacoleo carnifex, der vor etwa 40.000 Jahren ausgestorben ist.
Australien, gab es dort je große warmblütige Räuber? Zwar wurde der Beutellöwe bei seiner Entdeckung 1856 als "eines der tödlichsten Raubtiere überhaupt" beschrieben, 100 Kilo habe er gewogen, messerscharfe Zähne und ausfahrbare Krallen habe er gehabt. Aber im Lauf der Jahre ist das Monster geschrumpft, 1991 schätzte man es auf 50 Kilo, dann auf 20. Stattdessen setzte man auf Echsen, sie seien die großen Räuber auf dem nahrungsarmen Kontinent gewesen, sie müssen den Körper nicht wärmen, nicht so viel fressen wie gleich große Warmblüter. "Der Beutellöwe schien dazu verdammt, bald ganz zu verschwinden, es musste verzweifelt gehandelt werden", erinnert sich Paläontologe Stephen Wroe von der University of Sydney (Nature Australia, Spring 2000, S. 44): "Mir schwante immer schon, dass T. carnifex Australiens Antwort auf die Vorbilder der warmblütigen Räuber ist - die ausgestorbenen Säbelzahntiger Amerikas."
Inzwischen stellt die Antwort das Vorbild in den Schatten. Wroe hat die Biss-Stärke von 31 existierenden und neun ausgestorbenen Arten gemessen, aus den Kiefern, die mit den Ansatzpunkten für die Muskeln auch deren Stärke zeigen. Ganz oben rangiert T. carnifex mit 194 Punkten, Smilodon fatalis hingegen, der größte aller Säbelzahntiger - und mit 199 Kilo doppelt so schwer wie T. carnifex -, hatte nur 78. Wie er damit getötet hat, weiß man nicht, man weiß nur, dass die Beute groß war, man weiß es von Funden, und Wroes Messungen haben es quer durch das Tierreich bestätigt: Je stärker der Biss, desto größer die Beute (Proceedings of the Royal Society B, 272, S. 619).
Das gilt zumindest als Daumenregel, ein Räuber fällt völlig aus der Art, der Erdwolf, er kann beißen, obwohl er es nicht muss, er ernährt sich vor allem von Termiten. Und auch bei den anderen verrät die Biss-Stärke nicht alles: Raubkatzen beißen vergleichsweise schwächer als Hunde - sie haben aber beweglichere Vorderpfoten, die sie zu Hilfe nehmen -, und wer im Rudel jagt wie der Wolf, beißt härter als Einzelgänger wie der Koyote. Vor allem aber beißen Beuteltiere stärker als Tiere mit Plazenta: Bei Letzteren sind die Gehirne mehr als doppelt so groß, im Schädel ist weniger Platz für Kiefer und Muskeln. Sie beißen schon auch - Löwen bringen es auf 112 Punkte, Hyänen auf 113, Tiger auf 127 -, aber gegen den Beutelteufel sind sie zahnlos: 181 Punkte.