Psychologie: Ost und West sehen die Welt mit anderen Augen

Kulturell unterschiedlich geprägte Wahrnehmungsweisen schon im Sehsinn, nicht erst im Gehirn.

Wenn die Augen eines Amerikaners und eines Chinesen auf ein und dasselbe Bild fallen, sehen die beiden etwas ganz Unterschiedliches: Der Amerikaner konzentriert sich stärker auf die Objekte im Vordergrund, der Chinese ordnet sie stärker in den Hintergrund ein. Und wenn man Kindern drei Fotos zeigt - von einem Huhn, einer Kuh und einer Wiese -, und sie fragt, welche beiden zusammengehören, antworten sie je nach Herkunft ganz unterschiedlich: "Kuh und Huhn gehören zusammen, beide sind Tiere", antworten kleine Amerikaner - "Kuh und Gras gehören zusammen, die Kuh frisst das Gras", ordnen hingegen kleine Chinesen. Bietet man endlich Amerikanern und Koreanern Kugelschreiber in einer breiten Farbpalette an, wählt der Amerikaner einen mit der seltensten Farbe - er zeichnet sich selbst als etwas ganz Besonderes aus -, der Koreaner einen mit der häufigsten.

Psychologen und Philosophen mögen darauf beharren, dass alle Menschen in gleicher Weise wahrnehmen und denken, im Test-Labor des chinesisch-amerikanischen Teams Hannah-Faye Chua und Richard Nisbett (University of Michigan, Ann Arbor) werden sie zusehends eines Besseren belehrt, dort wird in vielen Experimenten die Differenz zwischen der Wahrnehmung in Ost und West bis in ihre Details verfolgt. Sie hat Tradition, Chua/Nisbett sehen sie schon in den Grundlagen der jeweiligen Kulturen angelegt: Die griechische Philosophie hat das Individuum betont und auch die Gegenstände der Wahrnehmung als individuelle Objekte betrachtet, die sich erkennen lassen und mit denen sich hantieren lässt.

Der chinesische Blick war holistisch, er bettete Objekte in Zusammenhänge und richtet die Aufmerksamkeit auf Übergänge, Zwischentöne, auch in der Logik, Aristoteles hat eine entwickelt, in China gab es keine. Die Differenz zeigte sich auch später in der Blickweise der Kunst: Ostasiatische Landschaftsmaler wählen gerne die Vogelperspektive, westliche bleiben auf Augenhöhe.

Hohe Kulturen waren beide, aber sie waren anders strukturiert: China war eine Agrargesellschaft mit Großfamilien und zentralen Bewässerungssystemen - mit entsprechenden Hierarchien -, in der jeder Einzelne in viele Zusammenhänge eingebettet war, im Stadtstaat Athen hingegen blühte die Individualität. Und wenn ein Kind heute in China auf die Welt kommt - auf dem Land, der soziale Wandel ist rasch und wird auch die Sicht verwestlichen -, schläft es in einem Raum mit vielen anderen, im Westen hat es früh ein eigenes Zimmer. Ist es aufgewacht und spielt es mit seiner Mutter, lernt es sich richtig ein: "Schau, das ist ein Auto, es hat schöne Räder", sagt die amerikanische Mutter, - "wenn du das Auto an die Wand wirfst, tut es der weh", lenkt die japanische Mutter.

Was lenkt sie? Die Art und Weise, wie das Gehirn eine Sinneswahrnehmung verarbeitet? Oder schon das Auge selbst, meldet es dem Gehirn in Ost und West etwas anderes? Chua/Nisbett haben Probanden Fotos gezeigt - mit je einem Objekt vor einem reich strukturierten Hintergrund, etwa einem Tiger vor dem Dschungel - und die Bewegung der Pupillen gemessen: "Schon die Augenbewegung ist unterschiedlich, sie liegt vermutlich dem Urteil des Gehirns zugrunde" (Pnas, 21. 8.). Amerikanische Augen stürzen sich rasch auf den Gegenstand, chinesische schweifen weit über den Hintergrund.

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