Der Wiener Erzbischof heizt mit einem Beitrag in der "New York Times" eine alte Debatte neu an.
Mit unmissverständlichen Worten hat der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn das Weltbild der katholischen Kirche von dem der Wissenschaft abgegrenzt, insbesondere von dem der Biologie: "Evolution im Sinne einer gemeinsamen Abstammung könnte wahr sein, aber Evolution im neo-darwinistischen Sinne - ein ungeleiteter, nicht geplanter Prozess zufälliger Variation und natürlicher Selektion - ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigenden Beweise für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegerklären will, ist Ideologie, nicht Wissenschaft", schrieb Schönborn in der Wochenendausgabe der "New York Times". Zusätzlich erklärte er, er sei seit Jahren "verärgert" darüber, dass einige Autoren und Theologen, auch viele katholische, die Position der Kirche "verdrehen" und so tun, als würde die Kirche die Idee billigen, dass die Evolution zufällig verlaufen sei.
Nun würden Neo-Darwinisten versuchen, den neuen Papst, Benedikt XVI., als "zufrieden mit der Evolutionstheorie" darzustellen. Aber das sei der so wenig wie sein Vorgänger: Johannes Paul II. sagte 1996, dass Evolution (er verwendete das Wort nicht) "mehr als bloß eine Hypothese" sei. Darauf berufen sich die von Schönborn erwähnten Theologen. Schönborn hingegen hält diese Äußerung Johannes Paul II. für "eher vage und unwichtig". Stattdessen beruft er sich auf die "wirkliche Lehre" des vorigen Papstes, der 1985 erklärte, dass die "Evolution der lebenden Dinge" einer "internen Finalität" folge - also, in Schönborns Interpretation, einem "Endzweck" oder "Design". So stehe es auch im Weltkatechismus, dessen Redaktionssekretär Schönborn war: "Wir glauben, dass Gott die Welt nach seiner Weisheit erschaffen hat. Sie ist nicht das Ergebnis irgendeiner Notwendigkeit, eines blinden Schicksals oder Zufalls".
Schönborn publiziert seine Klarstellung - die nicht vom Vatikan approbiert ist, aber zu der er vom jetzigen Papst "ermuntert" wurde - in der "New York Times", also in den USA, wo die Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Gegnern Darwins gerade wieder auf einem Höhepunkt ist. Dort versuchen christliche Fundamentalisten seit längerem, Darwin aus den Schulbüchern zu verdammen. Zuerst kam der Vorstoß von "Kreationisten", die die Bibel wörtlich nehmen (Gott hat demnach die Welt in sieben Tagen erschaffen), derzeit wird er von Vertretern des "intelligent design" getragen. Diese reden nicht von einem Schöpfer, sondern nur von einem höheren "Plan" hinter der Evolution. Diesen Begriff rückt auch Schönborn ins Zentrum.
Dort setzen Kritiker an: "Es sieht ein bisschen so aus, als habe Schönborn deren Internet-Seiten gelesen", erklärt Glenn Branch vom US-Zentrum für Wissenschaftserziehung. Mit "deren" meint er das "Discovery Institute", welches das "intelligent design" vertritt. Discovery-Chef Mark Ryland und Schönborn kennen einander von der Zusammenarbeit in Gaming. Für die Biologie kommentierte Francis Collins, Leiter des Human-Genom-Projekts und selbst gläubig: "Das ist ein Schritt in die falsche Richtung."