Geomythologie. Erdkundler lernen von regionalen Überlieferungen.
I
n den Mythen Hawaiis spielt die Göttin Pele eine zentrale Rolle. Die ist lau nisch, sie regiert das Feuer und lässt es aus der Erde brechen, wenn sie missgestimmt ist. Dann kommt ihre Schwester den Menschen zu Hilfe, die Herrin des Meeres. Sie verjagt die Brände, Pele flüchtet Richtung Südosten, von einer Insel zur nächsten, Kauai, Maui, endlich Hawaii, dort haust sie heute in einem Krater des Kilauea.
So erzählen es die Alten, und neben den Kindeskindern finden sich auch andere Zuhörer ein, Erdkundler: Der Mythos berichtet höchst exakt die Entstehungsgeschichte der Inseln Hawaiis. Dort stieg - von Nordwesten nach Südosten - ein Vulkan nach dem anderen aus dem Meer, weil die Erdplatte am Meeresboden in Gegenrichtung wandert und an dünnen Stellen perforiert wurde, von Hotspots, extrem heißer Magma unter der Platte, dort kocht der Zorn der Göttin. Erst kamen die Vulkane hoch, dann wanderten sie mit der Platte nach Nordwesten - dort sind die ältesten Inseln Hawaiis - und erloschen, wurden bewohnbar.
"Geomythologie" heißt das, wenn Geologen, Seismologen und Vulkanologen aus regionalen Überlieferungen schöpfen. Und erzählt wird überall: Unter den Duwamish-Indianern an der nordpazifischen Küste der USA kursieren Erzählungen von Kämpfen zwischen Walen und Donnervögeln in vierzig verschiedenen Varianten. Ruth Ludwin, Seismologin an der University of Washington, Seattle, hat sie gehört und in vielen auch Hinweise auf die Entstehungszeit gefunden: Es war das Jahr 1700, damals wurde die Region von einem gewaltigen Erdbeben mit Tsunami im Gefolge erschüttert.
So öffnen alte Mären den Blick auf heutige Gefahren: Seattle galt lange als nicht von Erdbeben bedroht, in den 90er Jahren kamen erste geologische Hinweise auf Tsunamis, dann folgte man den Mythen und sah überall dort nach, wo Wale und Donnervögel gekämpft hatten. Und man fand die Bruchzone am Meeresboden vor der Küste: Seattle ist gefährdet, man arbeitet mit Hochdruck daran, die Gebäude zu verstärken (Science, 310, S. 762). - Die Überlieferung hat auch schon Leben gerettet, beim Tsunami 2004 in Ostasien. Die Erde bebte vor Sumatra, die nächste bewohnte Insel heißt Simuele, die Welle kam zehn Meter hoch. Und doch starben von 75.000 Inselbewohnern nur sieben: Eine Legende warnt davor, dass nach einem Beben die Gefahr nicht vorbei ist, sondern erst kommt - und dass man so rasch wie möglich auf die Hügel flüchten muss, wenn man sieht, dass das Meer sich weit zurückzieht. So haben es offenbar Überlebende eines verheerenden Tsunami 1907 überliefert.
Das kann man zurückverfolgen, anderes nicht: In den 90er Jahren fanden Geologen Hinweise darauf, dass sich das Schwarze Meer, ein Süßwassersee, vor 7600 Jahren schlagartig mit Salzwasser füllte. Am Ende der Eiszeit sei das Mittelmeer so gestiegen, dass es durch den Bosporus brach. War das die Sintflut, die erst Jahrtausende später niedergeschrieben wurde, kann mündliche Überlieferung so lange tragen? Viele sind skeptisch und warnen vor einer Inflation der Geomythologie. Aber bei überschaubaren Zeiträumen ist sie zuverlässig: Wieder auf Hawaii wird erzählt, dass zur Zeit des Königs Kakuhihewa ein Menschenopfer von riesigen Eulen unterbrochen wurde, die zur Sonne flatterten. Man weiß, wann der König regierte, man muss nur noch nachschlagen: Das Opfer war am 10. April 1679, eine Sonnenfinsternis verdunkelte das Land.