Individuen können Individuen zutreffend einschätzen, Ethnien nicht.
Dass man sich selbst im anderen wiedererkennt, ist ein alter Topos, im Blick nach außen zeigen sich Identität und Differenz. Aber schon zu diesem Blick gehören zwei, ein gesundes Gehirn und ein urteilsfähiger Geist. Ersteres haben die meisten, aber es gibt Hirnverletzungen, bei denen die Menschen die Wahrnehmung des eigenen Körpers verlieren, bei ihnen funktioniert die "Propriozeption" nicht mehr, das ist der Sinn, in dem der Körper dem Gehirn meldet, wo gerade die einzelnen Körperteile sind und wie die Muskeln sich bewegen.
Diese Menschen können auch die Bewegungen anderer Menschen schwer interpretieren, deshalb haben Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in München die einzigen weltweit bekannten Patienten - zwei - ins Labor geladen. Dabei machten sie sich zunutze, dass die Hirnverletzung nur die "Propriozeption" unterbindet, die das Gehirn automatisch über den Körper informiert. Bewusst wahrnehmen können sie ihn schon, wenn sie hinschauen - und es hell genug ist. Dann sehen sie etwa die Bewegung ihrer Hand, dann können sie auch Bewegungen anderer Hände interpretieren. Im Experiment zeigte man ihnen Videos, in denen andere Personen Kisten heben, mehr oder weniger große und schwere.
Dann bat man die Patienten, aus dem Gesehenen das Gewicht der Kisten abzuschätzen. Das gelang. Trickreicher war Teil zwei des Experiments: Diesmal hatte man den Personen, die sich beim Kistenheben filmen ließen, teilweise falsche Informationen über das Gewicht gegeben, eine große und vorgeblich schwere Kiste war federleicht, und vice versa. Die Überraschung zeigt sich im Bewegungsablauf beim Heben, aber diesen Unterschied konnten die Patienten nicht sehen (Kontrollpersonen schon). In der dritten Runde schließlich ließ man die Patienten Kisten heben und narrte sie mit teils falschen Gewichtsangaben.
Aber darauf reagierten sie überhaupt nicht, auch Beobachter konnten ihnen nichts ablesen: "Was wir selbst können, verstehen wir bei anderen, und umgekehrt", schließen die Forscherinnen: "Rückmeldungen unseres Körpers tragen zu unserem intuitiven Wissen über die Absichten anderer bei. Wir können Handlungsfolgen vorhersagen und uns in andere hineinversetzen. Das ist entscheidend für Mitgefühl, Empathie und das Gelingen sozialer Beziehungen" (Nature Neuroscience, 8, S. 1295).
Sagen wir vorsichtiger: Es ist notwendig, hinreichend ist es nicht, die Welt ist voller Vorurteile über die Mitglieder der eigenen und die anderer Gruppen, jede Ethnie hat ihre Klischees, die Nachbarn sind faul oder aggressiv, und man selbst hat meistens Vorzüge: Deutsche halten sich für pflichtbewusst, Inder für innovationsfreudig, Kanadier für umgänglich. Es ist auch durchaus nicht alles positiv, was man der eigenen Gruppe zuspricht, die Tschechen etwa halten sich für missliebig und streitsüchtig.
Aber was es auch immer sein mag - es ist falsch, in Wahrheit sind die Tschechen bescheiden und altruistisch, und bei allen anderen stimmt das Bild auch nicht. Menschen können Individuen, gleich welcher Ethnie, durchaus gut einschätzen. Bei Ethnien können wir es nicht, nicht bei anderen, nicht bei der eigenen: "Nationale Stereotypen sind soziale Konstrukte. Sie sagen etwas über die Kultur, in der sie entstehen, nichts über die Menschen." Das ist das etwas bescheidene Ergebnis einer Studie, in der 85 Forscher weltweit an 3989 Befragten aus 49 Kulturen Vorurteile abgefragt und überprüft haben (Science, 310, S. 96).
Die zentrale Frage - wie Vorurteile entstehen und sich in sozialen Traditionen fortsetzen -, ist weiter ungeklärt, daran haben sich schon Generationen von Psychologen, Soziologen und Friedensforschern abgearbeitet. Immerhin, eine Neuigkeit gibt es, ein Klischee "ein Körnchen Wahrheit", das über die Geschlechter: Frauen sind warmherziger, Männer gröber. So werden sie in allen Kulturen wahrgenommen, so sind sie auch.