Neues beim Vergleich zwischen Menschen und Schimpansen: Die Differenz sitzt in den Hoden.
Vor fünf bis sechs Millionen Jahren haben unsere Ahnen sich von ihren getrennt, und äußerlich kann man uns gut unterscheiden, die Menschen und die Schimpansen. Aber im Inneren, im Zellkern, wollen sich kaum Differenzen zeigen, zu 99 Prozent sind die Gene identisch, und Kandidaten für unsere Besonderheit finden sich kaum, man kennt ganze zwei: Eines fördert die Sprachfähigkeit im Gehirn (Foxp2), das andere fördert sie in der Kaumuskulatur, es bildet unsere schwächer aus, gibt Freiheit zum Reden (Myh16). Lange hielt sich die Hoffnung, man müsse nur die gesamten Genome sequenzieren, dann werde sich die Differenz schon finden. Aber sie sind sequenziert und haben die Beunruhigung nur steigen lassen: Entweder unterscheiden wir uns wirklich kaum - oder Gene haben nicht die Bedeutung, die ihnen die Genetiker zusprechen.
Die suchen den Ausweg im immer breiteren Vergleich immer feinerer Differenzen. Die können etwa in kleinen Gen-Mutationen liegen, die sich entweder auf das produzierte Protein auswirken ("nichtsynonyme") oder nicht ("synonyme"). Bei den nichtsynonymen geht man davon aus, dass sie irgendeinen Sinn haben - "unter positiver Selektion stehen" -, aus dem Verhältnis zu den synonymen kann man bestimmen, welche Gene wo im Körper sich bevorzugt verändert haben. So hat sich 2003 im Vergleich von Menschen, Schimpansen und Mäusen gezeigt, dass unsere und unserer Vettern Gene vor allem beim Geruchssinn viele Novitäten entwickelt haben (Science, 302, S. 1960). Das war wenig Trost - wir definieren uns nicht gerade über die Nase -, aber nun kommt es noch ärger: "Unter den Genen, die im Gehirn aktiv sind, findet man keine, die unter positiver Selektion stehen und sich rasch entwickeln", bilanziert eine US-Gruppe, was sie im Mensch/Schimpansen-Vergleich erhoben hat (Plos, 3. 5.).
Der große Unterschied findet sich also justament nicht im Gehirn. Sondern im Immunsystem - was wenig verwundert - aber auch noch anderswo: in den Hoden, bei der Spermatogenese. Und er zeigt sich in einem dritten Bereich, in all den Genen, die mit der Entstehung bzw. Abwehr von Tumoren zu tun haben. Die dauernde Entwicklung des Immunsystems verwundert deshalb nicht, weil die Körperabwehr in einem ständigen Rüstungswettlauf mit Krankheitserregern steht. Einen ähnlichen Zusammenhang sehen die Forscher bei der beschleunigten Gen-Entwicklung in Spermatogenese und Tumorabwehr (vor allem durch gezielten Zelltod: Apoptose). Hier könnten zwei Interessen im Körper im Konflikt stehen, das der massenhaften Produktion von Zellen (Sperma) und das der Verhinderung der unkontrollierten Vermehrung (Tumor): "Die hohe Krebshäufigkeit bei Menschen könnte damit zusammenhängen, dass in der Keimbahn auf die Vermeidung von Apoptose hin selektiert wird, was im übrigen Körper zu erhöhtem Tumorrisiko führen könnte."
Und das Gehirn? Man kann nur weiter suchen. Aber vielleicht nicht in den Genen - sie sind der Teil des Genoms, der Proteine produziert -, sondern im Rest, dessen Funktion man nicht kennt. Zehn Prozent des Genoms bestehen aus Alu-Elementen, kleinen DNA-Abschnitten, die im Genom herumwandern und sich überall hineinsetzen können. Eine Gruppe davon (AluYb) entstand vor 25 Millionen Jahren - als unsere und der Schimpansen Ahnen sich und ihre Gehirne entwickelten -, dann war lange Ruhe. Vor drei Millionen Jahren wurden sie wieder hoch aktiv, als die Menschen ihre Gehirne entwickelten (Genome Research, 15, S. 655). Wie das möglich ist, ist unbekannt, aber wenigstens einen Namen hat es: "Tarnkappen-Fahrer".