Männchen betreiben Infantizid, sie töten Junge, um Weibchen paarungsbereit zu machen - die wehren sich mit Promiskuität.
Wenn sich in Skandinavien die Bären paaren, Mitte Mai bis Ende Juni, beginnt für die im Jänner geborenen Jungen die riskanteste Zeit ihres Lebens: "Bis zu 40 Prozent der Jungen verschwinden pro Jahr, und 90 Prozent davon während der Paarungszeit", berichtet Andreas Zedrosser, und er weiß auch, wohin sie verschwinden: "Man findet schon einmal Babykrallen im Kot von erwachsenen Männchen."
Zedrosser hat an der Uni für Bodenkultur Wildbiologe gelernt, arbeitet an der Universität von As in Norwegen und beobachtet seit Jahren - mit Förderung des FWF - Bären in Schweden, mit besonderem Augenmerk auf "life history strategies", das ist die Frage, nach welchen Kriterien und mit welchem Erfolg Tiere Partner wählen. Und warum wählen Forscher ihre Gegenstände? "You are crazy about sex in bears!", wurde Zedrosser von einem Freund charakterisiert. Dieser Sex hat aber auch seine Besonderheiten: Bären sind Einzelgänger, die riesige Reviere durchstreifen und einander bisweilen begegnen, Streit ist selten, es gibt keine festen Reviergrenzen. Für gewöhnlich streifen die Männchen herum, in der Paarungszeit machen sich auch die Weibchen auf den Weg: "Sie versuchen, die genetisch besten Männchen auszuwählen", berichtet Zerdrosser: "Sie klappern die ganze Umgebung ab, kopulieren mit möglichst vielen."
Wie passt beides zusammen? Kriterien für die genetische Qualität eines Männchens gibt es viele: Größe, Alter - bei Bären geht beides Hand in Hand -, vielleicht auch die Symmetrie. Die spielt zumindest bei Menschen mit, je exakter die Höhe der linken Augenbraue die der rechten spiegelt, desto höher die Qualität, vielleicht ist es bei Bären auch so. Zudem müssen Weibchen darauf schauen, dass das Männchen nicht zu eng mit ihnen verwandt ist, Inzucht. - Warum nimmt sie dann nicht einfach nur den Besten? Weil sie um ihrer Jungen willen die Spuren verwischt: Viele wollen sich mit ihr paaren, auch wenn sie überhaupt nicht will, weil sie noch Junge bei sich hat. Erst wenn die fort sind, ist das Weibchen wieder paarungsbereit - also schafft das Männchen sie fort, es tötet sie. Infantizid ist häufig in der Natur, er kann viele Gründe haben, Hunger etwa, aber auch Konkurrenz, manche Weibchen töten den Nachwuchs anderer. Ein Sonderfall ist der sexuell motivierte Infantizid: "Den gibt es häufig bei Tieren, die in Gruppen leben, bei Löwen etwa oder manchen Primaten", erklärt Zerdesrosser: "Unter solitär lebenden Säugetieren hat man es erstmals bei Bären bemerkt."
Aber die Männchen töten nicht alle Jungen, sie schonen ihre potenziellen eigenen, deshalb kopuliert eine Bärin mit vielen Männchen, sie verschleiert die wahre Vaterschaft - jeder, der im Vorjahr mit ihr kopulierte, könnte es gewesen sein: "Das ist die Gegenstrategie gegen den Infantizid" (Proceedings of the Royal Society B, 8. 11.).
Das bringt wieder ein Problem: Wenn die Bärin mit vielen kopuliert, wie kann sie sichern, dass nur das Sperma des Besten ihre Eizellen befruchtet? Kann sie Sperma von mehreren einlagern und das beste nehmen? Nein, das können viele Insekten, Säugetiere können es nicht. "Bärinnen haben eine induzierte Ovulation, bei ihnen ist der Eisprung mit physiologischer und hormoneller Stimulation verbunden", erklärt Zedrosser: "Vermutlich können sie damit beeinflussen, wer sie befruchtet."
Wie das geht, ist ungeklärt, offen ist auch, ob das Weibchen wirklich wählen kann: Männchen kämpfen nicht nur mit Äußerlichkeiten wie Größe um Reproduktion, sie kämpfen nach der Kopulation noch einmal: Kopuliert ein Weibchen mit verschiedenen Männchen hintereinander, kämpfen deren Spermien um den Zugang zur Eizelle: Vielleicht machen sie es - ohne Einfluss des Weibchens - untereinander aus.