Die frühen Kulturen Südamerikas gelten als friedlich. Nun wecken Forscher starke Zweifel daran.
Herrschte auf Erden immer und überall Krieg, oder gab es Zeiten und Regionen, in denen Völkerschaften friedlich miteinander auskamen? Das hängt auch vom Auge des Beobachters ab, der entweder seine eigene Position - für gewöhnlich die westliche - unterschwellig heraushebt aus den dunklen Zeiten der barbarischen Völker. Oder der weitab in Zeit und Raum die verlorene Unschuld ortet, die Ethnologin Margaret Mead war ein Beispiel dafür, sie fand das Paradies auf Samoa. Natürlich hat auch die Archäologie mit dem Problem zu kämpfen, sie steht in Gefahr, die Vergangenheit zu "bellifizieren" oder zu "pazifizieren". Letzteres gilt vor allem für die Indianer, die vor den Inka im heutigen Peru lebten, die Nasca, die Moche und andere.
Ihre Gesellschaften waren keine Idylle, es gab Menschenopfer, darüber herrscht Einigkeit. Aber Kriege haben sie nicht geführt, vermuten viele Archäologen und haben dafür zwei Argumente. Zum einen sehen die Befestigungsanlagen ganz anders aus als etwa eine europäische Burg. Zwar gibt es Mauern, mächtige, bis zu sieben Meter hoch und fünf Meter breit. Aber sie sind entweder "große Mauern", die längste zieht sich 74 Kilometer dahin, wie sollten auf so einer Distanz Angriffe abgewehrt werden? Oder sie sind nicht rundum geschlossen, haben Lücken und viele Tore. Zudem sind sie oft auf Hügeln errichtet, auf denen es kein Wasser gibt - eine Belagerung wäre nicht lange auszuhalten -, und es sind schlichte Mauern, sie haben oben keine Gänge, von denen aus Verteidiger operieren könnten. Kurz: Wo keine uns vertraute Verteidigungsanlage, da kein Angriff, da kein Krieg!
Oder doch? "Wir sind Archäologen, keine Militärs", attackieren Elizabeth Arkush und Charles Stanish (University of California, Los Angeles): "Lasst uns Spezialisten fragen - Kriegshistoriker -, wie ein Krieg aussieht, der zwischen kleinen Gemeinschaften ohne stehende Heere, Schießpulver und Pferde ausgetragen wird!" (Current Anthropology, 46, S. 3).
Große Mauern gab es andernorts auch, sie hatten auch unkriegerische Funktionen, zogen Grenzen, hielten Reisende. Aber sie dienten auch der Verteidigung. Palisaden, die nur Deckung boten und oben keine Gänge hatten, hatten etwa auch die Irokesen, die sie erst dann mit Türmen verstärkten, als Feuerwaffen ins Kriegsspiel kamen: Schutzbauten werden auf die erwartbaren Angriffe hin konzipiert, und solange die griechischen Städte nur untereinander im Krieg lagen, waren sie nicht stark befestigt, das kam erst mit den Persischen Kriegen. Arkush und Stanish gehen Punkt für Punkt durch und plädieren für ein neues Bild des Kriegs in den frühen Anden: Keine großen Belagerungen zur Eroberung von Land, sondern kleine Raubzüge zur Beschaffung von Menschenopfern - dafür waren die Befestigungen gerüstet.
Aber gab es überhaupt Menschenopfer im großen Stil? Auf Darstellungen der Nazca und Moche sieht man es, aber, so das zweite Argument der Friedensfreunde, das sei nicht echt, es handle sich um "rituelle Kämpfe", mit denen die Gesellschaften bei Festen ihre Identität bekräftigten. "Tinku" heißen die spielerischen Kämpfe, sie sind in den Anden heute verbreitet: Zwei Dörfer gehen aufeinander los, viel soll nicht geschehen, aber den einen oder anderen Toten braucht es schon, wenn die Ernte gedeihen soll. So sei es auch früher gewesen. Arkush/
Stanish haben theoretische Zweifel daran - es gab keine staatlichen Zentralgewalten wie heute - und den Augenschein für sich: Für rituelle Kämpfe hätte man überhaupt keine Mauern gebraucht.