Astronomie: Der Komet kommt? Wir kommen!

Erstmals soll sich das Innere eines Kometen zeigen. Die Sonde "Deep Impact" soll mit einem kollidieren.

Den "Geburtstag unserer Nation" will die Nasa dieses Jahr mit einer Illumination feiern, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: "Wir alle können Zeugen des ersten menschgemachten Feuerwerks am Himmelszelt werden." So schwelgt Rick Grammier, Leiter des Projekts "Deep Impact", das am 4. Juli 2005 in 134 Millionen Kilometer Entfernung mit 37.000 Kilometern pro Stunde in den Kometen "Tempel 1" hineinkrachen und einen "Krater von der Größe des Kolosseums" schlagen soll. Die PR-Spezialisten der Nasa kennen sich aus. Mit an Bord ist eine CD, auf der eine halbe Million Weltraum-Enthusiasten ihre Namen hinterlegt haben. Morgen soll die Reise von Cape Canaveral aus losgehen.

Sie soll Einsicht bringen in das Innere jener Himmelsphänomene, die die Menschheit seit ihren ersten Blicken zum Himmel beunruhigen wie nichts sonst. "Die sieben Richter der Hölle erhoben ihre Fackeln und beleuchteten die Erde mit den vor Wut weiß glühenden Flammen. Lähmende Verzweiflung stieg zum Himmel, als der Gott des Sturms den Tag in Nacht verwandelte und das Land wie ein Gefäß aus Ton zerschlug."

So steht es im Gilgamesch-Epos, 2200 Jahre v. Chr., und 2000 Jahre später dachte der jüdische Astronom Rabbi bar Nachmani über die Sintflut nach: "Gott nahm zwei Sterne von Khima, warf sie auf die Erde und erzeugte so die Flut." Der Rabbi war schon nahe dran am Herkunftsort der Kometen, aber es dauert wieder fast 2000 Jahre, bis die Astronomen Jan Hendrick Oort und Gerhard Kuiper fanden, wo "Khima" liegt. Oort postulierte 1950 eine Staubwolke weit über dem Rand unseres Sonnensystems draußen, Kuiper ein Jahr später eine direkt am Rand. Heute heißen sie "Oort'sche Wolke" und "Kuiper-Gürtel", aus der ersten kommen die "kurzperiodigen" Kometen, die alle drei bis 200 Jahre wiederkehren, aus der anderen die "langperiodigen", die nur alle paar Millionen Jahre sichtbar werden.

Aber auch bei den kurzperiodigen blieb lange unbekannt, dass sie den Regelmäßigkeiten von Gesetzen folgen. Sie kamen so überraschend mit ihren feurigen Schweifen - "Komet" heißt "langhaarig" -, dass sie in allen Kulturen als Winke des Himmels wahrgenommen wurden, als gute wie bei Christi Geburt, aber meist als böse, im Jahr 66 zeigte einer die baldige Zerstörung des Tempels in Jerusalem an, anno 1519 nahm ein anderer Montezuma so viel Mut, dass er sein Millionenvolk von 400 Konquistadoren überrennen ließ, Papst Calixtus III versuchte es einmal gar mit Exkommunikation. Sechs Tage nach Cäsars Tod wurde einer sichtbar, man hielt ihn für die Seele des Ermordeten, Shakespeare nahm es auf: "Aus Bettlern werden keine Kometen; die Himmel haben Platz nur für tote Prinzen."

Das nahm wieder einer auf: "Ich wurde mit Halley's Kometen geboren und erwarte, bei seiner Rückkehr zu sterben", scherzte Mark Twain, und er behielt Recht. Geboren wurde er kurz nach dem Halley-Durchgang von 1834, 1910 kam Halley wieder und Twain ging, die Kometen-Angst blieb, mit Gasmasken wurden gute Geschäfte gemacht. Dabei wusste man schon lange, dass Kometen treu ihren Bahnen folgen, sehr früh schon wurde in China Buch geführt; in Europa dauerte es länger, hier regierte Aristoteles mit seiner Vermutung, am Himmel herrsche Harmonie, Kometen könnten nur üble Ausdünstungen der Erde sein.

Erst Tycho Brache wandte den Blick 1577 wieder dem Himmel zu, Isaac Newton hielt 1680 fest, dass Kometen auf parabolischen Bahnen wandern. Auch das veranlasste Edmond Halley zu einer "Ode auf Newton" - "nec fas est propius mortali attingere divos", kein anderer dürfe näher an die Götter -, dann rechnete er selbst und prognostizierte 1705 die Wiederkehr des nach ihm Benannten. Von der Erde aus schwerer zu klären ist die Frage, woraus Kometen bestehen, man hielt sie für Sandklumpen, 1950 fand Fred Whipple die Lösung: Ein Komet ist ein "schmutziger Schneeball" aus Eis, Gestein und Kohlenwasserstoffen. Deshalb gibt es sie nur weit draußen - sie wären sonst geschmolzen -, deshalb gasen sie in Sonnennähe aus, deshalb muss in ihnen das Material so erhalten sein, wie es bei Geburt des Sonnensystems vor 4,5 Millionen Jahren war.

Deshalb endlich "Deep impact", die Mission, die erstmals das Innere sichtbar machen soll. Die Sonde besteht aus zwei Teilen, einem Mutterschiff und dem Impaktor, einem waschmaschinengroßen 372-Kilo-Brocken, vor allem aus Kupfer.

Das bringt Gewicht, und es stört die Messungen nicht: "Kupfer hat keine besonderen Charakteristika", erklärt Team-Mitglied Jay Melosh: "Niemand, der die Anfänge des Sonnensystems erforscht, ist daran interessiert." Geht alles nach Plan, kommt die Sonde am 4. Juli ganz nahe an den sechs Kilometer großen Kometen, direkt in seine Bahn, ein bisschen vor ihm. Dann setzt sie den Impaktor aus, macht sich davon und beobachtet aus einem Respektabstand von 500 Kilometern, was passiert, wenn Himmels- und Menschenwerk kollidieren. Dann soll sich etwa zeigen, warum bei Kometen der Schweif im Lauf der Zeit matter und kürzer wird: Sind sie am Ende ihres Lebens, haben sie nichts mehr auszugasen? Oder gast nur ihre Hülle aus?

Nicht nur das Mutterschiff beobachtet, auch sämtliche Weltraum-Teleskope richten den Blick auf das Feuerwerk, die irdischen ohnehin, man soll es gar mit bloßem Auge sehen können. Ist das Ganze nicht ein wenig riskant? "Es ist so, wie wenn ein Jumbo-Jet mit einem Moskito zusammenstößt", beruhigt die Nasa: "Die Bahn des Kometen wird dadurch keinesfalls gefährdet. Er ist und bleibt keine Gefahr für die Erde."

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