Primatologe de Waal: Selbstbewusstsein entwickelt sich graduell.
Reflektierende Oberflächen sind für Menschen faszinierend, wir nutzen sie zur Selbstvergewisserung in doppelter Hinsicht. Sie zeigen uns optisch, dass wir wir sind - jede/r als Individuum -, und sie ziehen uns in den Akt der Reflexion, in dem wir uns darauf besinnen, was wir als Art sind: eben die, die reflektieren, sich selbst und die anderen erkennen und unterscheiden. Damit werden wir zum sozialen Handeln fähig, wir können uns in andere hineinversetzen, und wir wissen, dass sie sich in uns hineinversetzen können - in beiden Fällen mit guten oder bösen Absichten -, wir haben eine "theory of mind", wie das "Bewusstsein" heute heißt.
Wie ist es entstanden, sind wir die Einzigen, die sich selbst im Spiegel erkennen? Reflektierende Flächen gibt es auch in der Natur, jede Wasseroberfläche ist eine, und jedes Tier schaut an der Tränke hinein. Was schaut heraus? Bei den anthropoiden Affen - Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans - dasselbe wie bei uns, ein individuelles Gesicht, auch bei manchen Delfinen. Das zeigt der "mark test": Man markiert im Gesicht eines Tiers eine Stelle, die für die eigenen Augen ohne Spiegel nie sichtbar ist - etwa auf der Stirn -, mit geruchloser Farbe. Stutzt das Tier beim Blick in den Spiegel und untersucht es seine Stirn, wird ihm "Spiegel-Selbst-Wahrnehmung" zugesprochen, "Mirror-Self-Recognition" (MSR).
Außer den Erwähnten hat die niemand, und bei den anderen Affen wird es weniger um MSR gehen, sondern mehr um die damit verbundenen sozialen Fähigkeiten, das Trost-Spenden, das Helfen, das Teilen von Nahrung. Das alles beruht auf Empathie, Einfühlungsvermögen, und das alles zeigen wieder nur die Erwähnten - und Elefanten, aber sie haben sich in einem "mark test" nicht erkannt. Ist es in der Evolution spät und mit einem Schlag gekommen, gibt es eine scharfe Grenze zwischen Privilegierten und dem Rest der Schöpfung? So sehen es vergleichende Psychologen: Man hat das Vermögen der Selbsterkenntnis oder man hat es nicht. In einem graduellen Modell denken hingegen Entwicklungspsychologen, sie vermuten rudimentäre MSR schon dort, wo der "mark test" noch nichts zeigt.
Etwa bei Kapuzineraffen, das sind Tiere, die sich im Spiegel nicht erkennen, aber hoch sozial leben, Futter teilen, anderen beistehen, wenn die zu ihnen flüchten. An ihnen will Frans de Waal (Primatologe, Yerkes National Primate Center) die verhärteten Fronten zwischen den Psychologen unterlaufen, mit einer "erstaunlich vernachlässigten Frage": Dass diese Affen sich selbst nicht erkennen, steht außer Streit; aber glauben sie deshalb, wie oft unterstellt wird, der im Spiegel sei ein Fremder?
Nein, sie reagieren anders. De Waal hat Affen in drei Situationen gebracht: Sie sehen (a) sich selbst, (b) einen vertrauten anderen, (c) einen Fremden. Und verhalten sich nie gleich: Bei Vertrauten wird nicht lange hingeschaut, bei Fremden schon. Bei Spiegeln auch, aber anders, die Tiere suchen verstärkt Augenkontakt, "vor allem die Weibchen ,flirten' fast mit ihrem Spiegelbild" (Pnas, 18. 7.). "Ich bin es", können sie sich nicht sagen, vielleicht sagen sie sich "Da ist niemand" - niemand Fremder, den man fürchten müsste - oder "Da ist ein seltsamer anderer". De Waal erwägt beide Hypothesen, entscheiden kann er nicht. Aber der Zwischenblick - kein "Ich", kein "Fremder" - unterstützt die Hypothese einer graduellen Entstehung des Bewusstseins.