Wenn die Temperaturen steigen, werden die Ameisen kleiner, aber mehr: Invasion!
Dass die Vögel früher pfeifen und die Frösche früher quaken, ist jene Anpassung der Natur an die Erwärmung, die als Erstes aufgefallen ist: Die saisonale Aktivität richtet sich nach der Temperatur, vor allem im Frühling. Dann zeigte sich die Umstellung von Lebensgemeinschaften, etwa bei Korallen, bei denen wärmeempfindliche Arten ausbleichen und durch resistentere ersetzt werden. Die dritte Runde bringt neue Überraschungen. Auch die Körpergröße von Tieren wird sich ändern, damit ihr Verhalten: "Die durchschnittliche Masse einer Ameisen-Arbeiterin wird um neun bis 31 Prozent zurückgehen", prognostiziert Zoologe Michael Kaspari (University of Oklahoma): "Und da kleine Ameisen bei Bio-Invasionen besonders erfolgreich sind, werden solche zerstörerischen Ereignisse in einer wärmeren Welt häufiger" (Pnas, 21. 3.).
Kaspari hat in 49 Ökosystemen rund um den Erdball Nester ausgehoben und ihre Bewohner gewogen und gezählt: Die kleinsten wiegen 0,06 Milligramm, sie stammen aus einer gebirgigen Wüste; die größten kommen aus einem Bergwald in der gemäßigten Zone, sie bringen es auf 2.34. Ähnlich beeindruckend sind die Unterschiede bei den Populationen, die schwanken zwischen 63 und 9057 Individuen. Oft gibt es beides nebeneinander, kleine/große Individuen, kleine/große Kolonien. Aber global zeigen sich doch zwei entscheidende Variablen: In Kombination bestimmen Temperatur und Nahrungsangebot 44 Prozent der Differenzen der Körpergröße; der Rest kommt von regionalen Besonderheiten, auch der Druck von Räubern spielt mit.
Und wie wirken Temperatur und gedeckter Tisch? Wo es viel zu fressen gibt und zudem warm ist - Ameisen haben keine eigene Körperwärme, sie brauchen für ihre Aktivitäten äußere -, sollte die Größe der Individuen und der Kolonien steigen, vermutet eine Theorie ("Temperatur/Ernte-Hypothese"). Nein, die Körpergröße sollte fallen, wenn es wärmer wird, widerspricht eine zweite ("Temperatur/Wachstums-Hypothese"): Wenn Ameisen in wärmerer Umgebung leben, läuft ihr Stoffwechsel auf höheren Touren; dann geht weniger von der Energie des Futters in den Körper, mehr gleich wieder als Abwärme in die Umwelt, die Tiere werden früher erwachsen: kleiner.
Aber der Wärme wegen sind sie leistungsfähig und können viel herbeischaffen, das geht in die Vergrößerung der Kolonie. Kaspari bestätigt diese Vermutung und malt ihre Konsequenzen aus: Kleinere Ameisen leben kürzer, sie können sich in ihrer Generationenfolge rascher auf die gewandelte Umwelt einstellen. Deshalb werden bei der prognostizierten Erwärmung - 1,4 bis 5,8 Grad in den nächsten 90 Jahren - nicht nur immer mehr Arten körperlich schrumpfen und sozial wachsen, sie werden auch die anderen verdrängen.