Die Zwillinge von Krems

Archäologie. Sensationsfund im Löß: Kindergrab

A
m Wachtberg in Krems ist gut sie deln, Südhang, geschützt vor den Unbillen der Witterung. Dort ließen sich schon Vormenschen nieder, vor etwa 40.000 Jahren kamen die ersten, von ihnen gibt es kaum Funde, man weiß deshalb nicht, welche Menschen sie waren - theoretisch können es nur Neandertaler gewesen sein, der moderne Mensch - Homo sapiens - war nach heutigem Wissen noch nicht in Europa eingewandert. Später kam auch er nach Krems, noch später kam der Löß und deckte alles zu, noch später kamen die heutigen Siedler und mit ihnen die Archäologen, die die Spuren sichern.

"Wir haben gewusst, dass in fünfeinhalb Meter Tiefe eine gut erhaltene Siedlungsschicht liegen muss", berichtete am Freitag Projektleiterin Christine Neugebauer-Maresch (Prähistorische Kommission der Akademie der Wissenschaften): "Es hat sich bestätigt. Wir haben auf wenigen Quadratmetern zehntausend Funde, Steingeräte, Knochen, und wir haben nur gezählt, was größer als ein Zentimeter ist." Der größte Fund ist 40 Zentimeter groß, er ist die Sensation: "Am Rand der Kulturschicht ist ein waagrecht liegendes Mammut-Schulterblatt aufgetaucht", berichtet die Forscherin: "Es wurde von einem Elfenbeinspan gestützt, deshalb ist dort ein kleiner Hohlraum, paläolithische Luft in sechs Meter Tiefe."

In dieser Luft ruhen seit etwa 27.000 Jahren die Skelette zweier Neugeborener, Maria Teschler-Nicola, Anthropologin am Naturhistorischen Museum, hat es beim ersten Blick gesehen. Der war kurz, freigelegt wurden die Knochen - von Grabungsleiter Thomas Einwögerer - erst am Donnerstag, und auch da nur in der obersten Schicht. Sie sind in nun hartes Gestein eingebunden, man will den ganzen Block bergen und zunächst in einem Computertomografen röntgen. Er soll den optimalen Weg der Freilegung weisen, die Knochen sind fragil, sie sind die ältesten je in Österreich gefundenen, und auf der ganzen Erde wurden noch nie bestattete Neugeborene aus der Zeit ausgegraben, in der es in Europa bitterkalt war, die Eiszeit war auf ihrem Höhepunkt.

Ob die Kinder an der Unwirtlichkeit zugrunde gegangen sind, ist noch unbekannt, Neugebauer-Maresch hofft, in künftigen Analysen der Todesursache näher zu kommen. Und auch der Verwandtschaft der beiden, sie sehen verdächtig ähnlich aus. "Vielleicht sind es Zwillinge, wir wissen es noch nicht, wir haben sie vorläufig einmal ,Die Zwillinge von Krems' genannt." Was man schon weiß, ist, dass die Bestattung mit allen Ehren erfolgte, die Kinder waren in rötelgefärbtes organisches Material gewickelt und hatten als Grabbeigabe eine Kette mit 31 Mammut-Elfenbeinperlen. "Sie waren voll integrierte Mitglieder der Gesellschaft."

"Das ist ein sehr wichtiger Fund, es gibt wenig aus dieser Zeit, in der Menschen aus den Steppen Asiens mit ihrer hohen Kultur nach Europa kamen", bestätigt Christoph Zollikofer, Anthropologe der Uni Zürich: "Aber man muss dazu sagen, dass auch Neandertaler ihre Säuglinge beerdigt haben."

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