Aufschnitt: "Nützlich und Christen erlaubt"

Die Kunst des Sezierens wurde in der Renaissance entwickelt.

Lass dich durch die Angst vor einer Nacht in Gesellschaft dieser schaurig anzusehenden toten, zerstückelten und gehäuteten Körper nicht abschrecken", riet Leonardo da Vinci einem Schüler und ging mit zugreifendem Beispiel voran. Noch im Alter von 60 Jahren schlich er nächstens mit Messer und Knochensäge auf den Friedhof von Mailand - der Papst hatte das Sezieren verboten. Ab 1510 entstanden Leonardos große anatomische Studien, die Kunst und Wissenschaft gleichermaßen vorantrieben. Der erste Anatom (das Wort kommt aus dem griechischen "auf" und "Schnitt") war er aber nicht, schon in prähistorischen Höhlenmalereien finden sich Hinweise, der griechische Arzt Galen begann im 2. Jahrhundert mit der systematischen Analyse des Körperinneren.

Dann wurde es ruhig, bis zur Renaissance, in der der Mensch von den Philosophen und Naturforschern neu definiert und der Analyse zugänglich wurde: Er war nicht länger das Geschöpf Gottes, sondern ein Räderwerk der Natur. Robert Boyle, der Chemiker, fasste es später, 1772, so zusammen: "Ich glaube, der Arzt sollte den Körper des Patienten als Maschine betrachten, die außer Funktion geraten, aber so gebaut ist, dass sie aus den eigenen Teilen in einen besseren Zustand gebracht werden kann." Auch die Kirche folgte schließlich, die theologische Fakultät von Salamanca befand 1556 "die Eröffnung menschlicher Leichen nützlich und daher den Christen erlaubt". Bald war der Bedarf an Leichen groß, im 18. Jahrhundert hatten Grabräuber Konjunktur: "Leichen wurden für Zähne, Haare und Skelette ausgebeutet", berichtet eine Historikerin, Abnehmer waren Zahnärzte, Perückenmacher und natürlich die medizinischen Fakultäten, in denen auch öffentlich seziert wurde, die Besucher zahlten Eintritt, manche Ärzte demonstrierten ihre Fingerfertigkeit auf Touren quer durch Europa. Aber die Friedhöfe lieferten nicht genug, 1830 ging in London eine Massenmörder-Bande um: zur Versorgung der Anatomie-Schulen.

Und der Bedarf wuchs. Viele der älteren Darstellungen hatten wenig medizinischen Wert, sie folgten den ästhetischen Vorlieben der Zeit, im 17. Jahrhundert sprangen die Sezierten auf den Bildern augenrollend in der Landschaft herum, im 18. lächelten Totgeburten den Betrachter an. Erst seit dem 19. Jahrhundert kam wieder die Verwissenschaftlichung, wie sie Leonardo und seine Zeitgenossen betrieben hatten. Die Kehrseite zeigte sich später am deutlichsten in Wien: 1937 publizierte Eduard Pernkopf den ersten Band seiner "Topografischen Anatomie des Menschen", später folgten weitere. Das Material wurde - wie seit den Anfängen der Wiener Anatomie im Jahr 1404 - vom Scharfrichter geliefert, ab 1938 schlug der auch im Namen der Nazis zu: 1377 Missliebige wurden hingerichtet, einige mussten dann Modell für Pernkopfs anatomische Tafeln stehen, dazu bekannte sich 1998 die Uni Wien, später wurde es international publiziert (Lancet, 355, S. 145457), erwähnt wird auch die Sammlung, die Heinrich Gross aus ermordeten Kindern vom Spiegelgrund zusammengestellt hatte.

Damit ist die Story nicht zu Ende: "Von wem haben Sie die Niere?", "Von einem Exekutierten." Oft habe er das gehört, berichtete ein US-Transplantations-Mediziner anno 2004 (Lancet, 364, Supplement 1): Gehört habe er es von Amerikanern chinesischer Herkunft, die zur Transplantation in China waren. Seither sind die Gerüchte nicht verstummt, entsprechende Vorwürfe gingen auch an den, der Anatomie und Kunst auf seine Weise wieder vereint, zur großen Show der "Körperwelten", Gunther von Hagens, vielleicht heißt er wirklich so.

Was sonst noch mit Leichen getrieben wird, bleibt meist im Dunkeln, man darf sicher sein, dass Militär daran Waffen erprobte. In Autos setzte man sie erstmals 1961 in den USA, dort testete man auch an Schädeln, welche Belastung sie aushalten. Erst nahm man leere Schädel, dann wurde man realitätsnäher und füllte Gelatine hinein.

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