Methusalem: Schmale Kost, langes Leben?

Bei Fliegen kommt es nicht auf die Quantität der Nahrung an, sondern auf die Zusammensetzung.

Seit der Veterinär Clive McCay 1935 publizierte, dass Versuchsratten in seinem Labor eineinhalb Mal so alt wurden - 4,5 statt drei Jahre -, wenn er sie nur auf schmale Kost setzte, 30 Prozent weniger Kalorien als üblich, heißt das Zauberwort für ein langes Leben "dietary restriction" (DR) oder auch "caloric restriction" (CR). Folgeversuche zeigten das Phänomen quer durch das Reich des Lebens, von Hefe über Fruchtfliegen und Wasserflöhe bis hinauf zu Hunden und Affen, der Mensch wird keine Ausnahme sein. Auch der Mechanismus schien nahe liegend: Wo weniger verarbeitet werden muss, nutzen sich die Instrumente langsamer ab. Das ist inzwischen nicht mehr so klar, es gibt viele Hypothesen, schmale Kost wird möglicherweise auch auf effektiveren Stoffwechselwegen verwertet, auf denen obendrein weniger freie Radikale anfallen, das sind aggressive Sauerstoff-Verbindungen, die DNA angreifen.

Und nun ist auch nicht mehr so klar, ob man DR und CR so unbefangen gleichsetzen kann, wie man es seit 70 Jahren tut. Bisher hielt man allein die Menge für entscheidend (CR), vor allem Versuche an Ratten hatten keinen Einfluss der Zusammensetzung des Futters gezeigt (DR); dem widersprachen allerdings wenige Versuche an Mäusen, deren Lebensspanne durch die Reduktion einer einzigen Aminosäure im Futter (Methionin) erhöht wurde. Und auch bei Fruchtfliegen (Drosophila) liegt es nicht an der Quantität: Britische Forscher haben den Tieren verschiedenartiges Futter mit immer demselben Kaloriengehalt verabreicht. Einmal kamen die Kalorien aus Hefe (Proteine und Fett), das andere Mal aus Zucker (Kohlehydrat), das dritte Mal aus einer Mischung. Reduzierte man deren Menge, stieg das Lebensalter, soweit wurden die früheren Befunde bestätigt.

Aber die Trennkost stellt sie in Frage: Reduzierte man die Hefe - bei insgesamt gleichbleibender Kalorienzahl -, stieg das Lebensalter um über 60 Prozent, und zwar auch dann, wenn man schon erwachsene Tiere auf die Kost umstellte. Reduzierte man den Zucker, war der Effekt viel geringer, und er zeigte sich nur dann, wenn die Diät von Anfang an verabreicht wurde, offenbar entfaltet Zucker seine lebenskürzende Wirkung schon im frühesten Alter (Plos, 31. 5.). "Die Antwort der Lebensspanne von Drosophila auf die Ernährung wird nicht von den Kalorien beherrscht, sondern von den Komponenten der Nahrung", schließen die Forscher: "Das kann zweierlei bedeuten. Entweder reagieren Fruchtfliegen anders als andere Tiere, vor allem Säugetiere. Oder die lange gehegte Überzeugung, entscheidend sei CR - und nicht DR -, könnte weiterer Evaluierung bedürfen." Deutlicher kann man es nicht ausdrücken.

Aber wie kann man es erklären? Bei vielen Tieren sinkt die Lebensdauer, wenn sie im Experiment zu vermehrter Reproduktion angeregt werden. Und bei Drosophila steigt die Produktionsrate der Eier mit der Menge der Hefe in der Nahrung. "Die offensichtliche Hypothese wäre also die, dass Hefe die Reproduktion erhöht und damit auch deren Kosten", erwägen die Forscher, verwerfen es aber, da nicht nur Drosophila-Weibchen - die viel in Eier investieren - durch Hefe-Reduktion älter werden, sondern auch Drosophila-Männchen. Deshalb bevorzugen die Forscher eine andere Variante: In Zeiten schmaler Kost konzentriert sich der Körper auf das Überleben und stellt die Reproduktion für bessere Zeiten zurück. Das könnte ihm das längere Leben bescheren.

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