Anthropologie: Flaschenpost nach Amerika?

Neue Welt wurde früh besiedelt, darauf deuten nun auch Kürbisse.

Wie kam der Flaschenkürbis nach Amerika? Das ist gar keine so langweilige Frage, sie hängt eng mit dem Streit darüber zusammen, wann und von wem die Neue Welt besiedelt worden ist. Denn der Flaschenkürbis - Heimat: Afrika - tauchte vor etwa 9.000 Jahren überall in Amerika auf, im Norden wie im Süden, es können auch 10.000 Jahre gewesen sein. Aber nach dem bisherigen Stand der Schulbücher wurde der Doppelkontinent erst vor 13.600 Jahren erwandert, von der Mongolei aus über die - damals trockene - Beringstraße und Alaska. Folgt man den Büchern weiter, waren diese Menschen - die Clovis - die Ahnen aller Indianer, sie hätten rasch tief nach Südamerika wandern müssen mit ihren Kürbissen.

Aber das Dogma wankt, es gibt 15.000 Jahre alte Funde in Chile, 12.700 Jahre alte in Mexiko - so rasch kommt man nicht von Alaska dorthin -, gar 40.000 Jahre alte Fußspuren, wieder in Mexiko, sie sind allerdings umstritten. Zudem hat man in Nordamerika Hinweise auf eine Nicht-Clovis-Kultur gefunden, und die Form der Schädel aus Mexiko passt nicht zu jener der rundköpfigen Clovis, sie deuten eher Richtung Australien. Dorthin deutet nun auch ein Schatz, der seit 1842 in Brasilien angehäuft, aber über die Landesgrenzen hinaus kaum bekannt wurde, weil die Funde meist nur in der portugiesischen Lokalpresse gemeldet wurden und nicht in die englischsprachige Fachliteratur eingingen: In Lagoa Santa, einer Karstregion in Zentralbrasilien, siedelten vor 8.500 bis 7.500 Jahren Menschen, die ihre Toten in Höhlen bestatteten, "Luzia" heißt die Berühmteste.

250 Schädel hat eine Gruppe um Walter Nevers (Universidade de S£o Paolo) vermessen: "Es gibt große morphologische Ähnlichkeit dieser Paläo-Indianer mit heutigen australo-melanesischen Gruppen" (Pnas, 12. 12.). Ähnliche Schädel kennt man von Funden bis hinauf nach Florida, die Forscher schließen daraus, dass "zwei verschiedene Populationen die Neue Welt kolonisiert haben könnten". Allerdings könnten beide nur auf demselben Weg gekommen sein - über Alaska -, über das Meer habe beim damaligen Stand der Technik kein Weg geführt - für Menschen.

Für Flaschenkürbisse schon, vermutete man. Sie seien mit Meeresströmungen aus Afrika gekommen, von wilden oder kultivierten Pflanzen. Kultiviert wurden sie früh, nicht als Nahrung, sondern für Gefäße, die in Zeiten vor der Töpferei hohen Wert hatten. Kultivierte Kürbisse haben eine dicke Schale, sie hätten die Seereise von Afrika gut überstanden. Aber sie kamen nicht aus Afrika, sie kamen aus Asien, das zeigen Gen-Analysen einer Gruppe um David Erickson, Smithsonian Institution, Washington (Pnas, 12. 12.). Aber könnten nicht auch wilde Kürbisse aus Asien mit Meeresströmungen gekommen und in Amerika kultiviert worden sein? Solche Meeresströmungen gibt es, man kann es an Plastikmüll verfolgen - aber wilde Kürbisse schwimmen nicht weit, ihre Schale ist zu dünn.

Also sind Menschen mit kultivierten Kürbissen gekommen, vermutlich vor den Clovis, aber wie? Auch Erickson gibt der Seeroute für Menschen "eine Wahrscheinlichkeit nahe null", der Weg habe über die Beringstraße geführt. Aber: Zuerst von Melanesien mit dem Schiff hinauf nach Ostasien, dann zu Fuß über die Beringstraße und wieder hinunter? Warum nicht gleich von Melanesien mit dem Schiff nach Amerika?

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