Medizin: Bakterien gegen HIV und Fettleibigkeit?

US-Ärzte wollen unsere Mitbewohner therapeutisch nutzen.

Ohne Bakterien wären wir nichts, sie füttern uns, sie schützen uns dort, wo wir besonders verwundbar sind, innen im Darm und außen an den Schleimhäuten. Alleine im Darm tragen wir etwa 1,5 Kilo Bakterien mit uns herum, sie kauen für uns Unverdauliches vor und stehen in reger Kommunikation mit der Darmwand. Und überall auf den Schleimhäuten - im Mund, im Anus, in der Vagina - stehen sie Wacht. Sie wehren andere, bedrohliche Bakterien ab, im Mund etwa die, die an den Zähnen nagen. Und sie sollen nun auch HIV abwehren.

Jeden Tag werden 14.000 Menschen infiziert, die meisten über die Schleimhäute. Kondome schützen, aber sie stehen nicht immer und überall zur Verfügung, und viele wollen sie auch nicht benützen. Man sucht schon lange nach antiviralen Cremes, aber auch die müssen erst da sein und vor dem Sex aufgetragen werden. Deshalb will eine Gruppe um Dean Hamer (National Cancer Institute) die Populationen der Schleimhäute verändern, auf Dauer und mit Bakterien, die gentechnisch so verändert sind, dass sie ein für HIV tödliches Gift produzieren. Ähnliches hat man schon an Ratten gegen den Hautpilz Candida albincans und gegen Streptokokken versucht. Nun haben die Ärzte einen Stamm von Escherichia coli, Nissle 1917, mit Genen ausgestattet, deren Produkte verhindern, dass HIV in Zellen eindringt. Bei Mäusen schützt er vor allem das Rektum, bei Menschen könnte er das auch tun, hoffen die Ärzte (Pnas, 18. 7.).

Andere Länder, andere Sorgen. Während vor allem das südliche Afrika an Aids niedersinkt, breitet sich in den USA die Fettleibigkeit derart aus, dass man von einer Epidemie spricht. Und auch hier spielen Bakterien mit: Die Bakterien-Gemeinschaft im Darm erschließt nicht nur Nahrung, sie sorgt auch dafür, dass der Körper mehr aufnimmt und mehr als Fett einlagert, in beiden Fällen beeinflussen die Gene der Bakterien die der Menschen. Dann wachsen in der Darmwand mehr Blutgefäße, dann bilden sich mehr fettlagernde Zellen. Was immer nun Ursache und Wirkung ist - ob die Bakterien die Verfettung auslösen oder ihrerseits von verfettenden Körpern gesteuert werden -, man könnte an den Bakterien-Populationen ansetzen, hofft eine Gruppe um Frederic Bäckhed (Washington University School of Medicine). Die Idee, die Gesundheit des ganzen Körpers durch geeignete Bakterien ("Probiotika") zu stärken, ist alt, Mechnikov hat sie vor 100 Jahren geboren.

Und zumindest eine Anwendung ist bekannt: Wenn man Nutztieren Antibiotika ins Futter mischt und so ihre Bakterienpopulation verändert, setzen sie rascher mehr Fleisch an. Bei Menschen soll es nun umgekehrt gehen, auch hier führt der Weg über die Maus. Die Ärzte haben schlanke und fette Mäuse verglichen und bei beiden unterschiedliche Bakterien-Gemeinschaften identifiziert (Pnas, 18. 7.). Ob man sie "umprogrammieren" kann, ist noch nicht geklärt.

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