Ein Gen kann Verhalten steuern, und vice versa: Gene werden durch Kommunikation aktiviert.
Microtus ochrogaster, die Prärie-Wühlmaus, ist eine treue Seele, ganz anders als Microtus pennsylvanicus, die Wiesen-Wühlmaus, die treibt sich gerne herum, in der Natur und auch im Labor. Setzt man ein Männchen und ein Weibchen in einen Käfig und bringt nach 24 Stunden noch ein Weibchen dazu, wendet sich das Männchen sofort der Neuen zu. Aber man kann es gentherapeutisch kurieren, der Neurobiologe Robert Young hat es an der Emory University, Atlanta, getan. Er hat mit einem Virus ein zusätzliches Gen in das Gehirn eingebracht, V1aR, das ist ein Rezeptor für das Hormon Vasopressin. Bei vielen Tierarten ist monogam, wer viele (und) aktive V1aR-Gene hat, bei schwacher Aktivität hingegen ist der Lebensstil promiskuitiv. Die Wiesen-Mühlmaus hat von Natur aus schwache Aktivität, durch die Gen-Kur wird auch sie monogam (Nature, 429, S. 754).
Ein einziges Gen - mehr noch: nur seine Aktivität - kann also Sozialverhalten bestimmen. Aber es geht auch umgekehrt: Wenn eine Rattenmutter ihre Neugeborenen nicht zärtlich beleckt, wachsen die Jungen zu ängstlichen und extrem stressanfälligen Tieren heran, man weiß es seit den 90er Jahren. Nun kennt man den Mechanismus: Auch er geht über einen Rezeptor im Gehirn, diesmal über den für Glukokortoid-Hormone, mit denen Stress signalisiert wird. Die Aktivität dieser Gene wird durch Methylierung verändert, nach der Geburt. Kümmert sich die Rattenmutter nicht um ihr Kind, kommt dieser Prozess nicht in Gang (Nature Neuroscience, 27. 6.).
Gene steuern Verhalten, Verhalten moduliert Gene, im alten Streit zwischen Erbe und Pflege - auf englisch ist es deutlicher: nature versus nurture - verwischen sich die Fronten. Und ausgerechnet Craig Venter, die Ikone der Gen-Fraktion, hilft dabei mit. Gene könnten nie Verhalten steuern, erklärte er am Vorabend der Präsentation des Humangenoms, wir hätten viel zu wenig Gene für unser reiches Verhaltens-Repertoire.
Das war natürlich nicht ernst gemeint, es wird vielmehr immer deutlicher, dass es weniger auf die Zahl der Gene ankommt und mehr auf die Weisen ihrer Regulation. So wird quer durch das Tierreich, von der Fruchtfliege bis zum Menschen, die Embryonalentwicklung - wie lange wird etwa der Hals? - durch Gene einer Gruppe gesteuert, Hox. Aber die werden ihrerseits durch Promotoren gesteuert, das sind DNA-Stücke mit etwa 200 Buchstaben des Gencodes. Wenige davon sind bei Mäusen und Hühnern anders und bringen den einen kurze und den anderen lange Hälse.
Und beim Verhalten? Da gibt es ein Gen, das heißt Wanderlust oder forager (for). Identifiziert hat man es erst bei Fruchtfliegen, dort sorgt es durch unterschiedliche Aktivität dafür, dass manche viel und weit herumstreifen ("rover"), andere eher nicht ("sitter"). Das gibt es auch bei anderen, bei Bienen etwa, die in ihren ersten Tagen im Stock arbeiten und dann ausschwärmen, der Gen-Schalter für for wird umgelegt. Zugleich schaltet das gesamte Gehirn um: US-Forscher haben die Aktivität von 5500 Genen beobachtet, 2200 ändern sich (Science 307, S. 30). Aber wieder nicht aus eigenem Antrieb, im Bienenstock gibt es viele Signale, die Gene de/aktivieren, Düfte, aber auch Temperatur: Bienen steuern damit die Gehirnentwicklung ihrer Brut, je nachdem, ob sie Kluge brauchen oder nicht.
Fehlt noch die unterschlagene Eingangsfrage, wie ist es mit den V1aR-Rezeptoren bei Menschen? Man weiß es nicht, es gibt aber Hinweise darauf, dass mangelnde Gen-Aktivität bei Autismus mitspielt, dessen Opfer vor allem daran leiden, dass sie keine engen sozialen Kontakte aufnehmen können.