Domino-Effekt: Linke Wende in Lateinamerika

Sozialisten regieren schon drei Viertel Südamerikas, jetzt auch Bolivien. Trend setzt sich fort. Ein Land nach dem anderen begehrt gegen Washingtons Einfluss auf.

Erst Venezuela, dann Chile, Argentinien, Brasilien, Uruguay _ und jetzt auch Bolivien. Mit dem Sieg des Sozialisten Evo Morales bei der Präsidentenwahl in Bolivien färbt sich ein weiterer Staat Lateinamerikas rot. Drei Viertel Südamerikas werden nun links der Mitte regiert.

Und alles deutet darauf hin, dass sich der Trend im "Hinterhof der USA" fortsetzt: Bis Ende 2006 wird in weiteren zehn Ländern des Kontinents gewählt. Glaubt man den Umfragen, hat die Linke fast überall gute Chancen: In Mexiko wird vermutlich der Ex-Bürgermeister der Hauptstadt, Lopez Obrador, im Juli den konservativen Präsidenten Vicente Fox aus dem Amt drängen. In Nikaragua steht Sandinistenführer Daniel Ortega vor der Rückkehr an die Macht.

Auch in Peru könnte mit Ex-Präsident Alan Garcia ein Linkspopulist an die Macht kommen. Und bei der Präsidentenwahl in Venezuela im Dezember ist es so gut wie sicher, dass Hugo Ch¡vez erneut im Amt bestätigt wird.

Von US-Einfluss befreien

Und lautstark wird Chav©z dann seinen Triumph feiern. Denn seit Jahren propagiert der Castro-Freund seinen Traum einer breiten Anti-USA-Front in Lateinamerika. Sowie Simon Bolivar im 19. Jahrhundert weite Teile Südamerikas vom spanischen Kolonialismus befreite, will der Präsident des ölreichen Staates den Kontinent nun vom kapitalistischen Einfluss der USA befreien. Geht nun also Ch¡vez Vision von einem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" in ganz Lateinamerika in Erfüllung?

Bert Hoffmann vom Hamburger Institut für Iberoamerikanische Studien warnt im "Presse"-Gespräch vor Verallgemeinerung. Bei der neuen lateinamerikanischen Linken müsse man zwischen zwei unterschiedlichen Modellen unterscheiden: Dem populistischen Radikalismus des Nationalisten Hugo Ch¡vez und dem marktwirtschaftlich-orientierten Pragmatismus eines Luiz Inacio "Lula" da Silva in Brasilien. Ch¡vez habe bisher nur in kleineren Staaten - Bolivien und künftig womöglich auch in Nikaragua -  Nachahmer gefunden. In größeren Staaten - Chile, Brasilien und künftig auch Mexiko - dominiere die pragmatische Linke.

Eine Gemeinsamkeit haben die beiden Richtungen aber: Sie lehnen den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) diktierten Reformkurs der 90er-Jahre ab. Und sie kritisieren offen die USA, die für die liberalen Reformen eingetreten waren. Dazu kommt: Noch nie war ein US-Präsident so unbeliebt bei den Nachbarn wie George W. Bush.

Lateinamerika ist ein soziales Pulverfass. Die Schere zwischen Arm und Reich ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden: Von den 563 Millionen Lateinamerikanern leben laut UNO 222 Millionen unter der Armutsgrenze. Dass Lateinamerikas Linke versucht, sich vom ehemaligen "großen Bruder" zu emanzipieren, wurde bei dem Amerika-Gipfel in Argentinien im Herbst deutlich. Damals schlossen sie die von linken Parteien regierten Staaten zusammen und lehnten die von Bush vorgeschlagene gesamtamerikanische Freihandelszone ab.

Wut auf korrupte Eliten

Doch der Hauptgrund für den neuen Erfolg der Linkspopulisten ist laut dem Experten Bert Hoffman nicht so sehr ihr Antiamerikanismus oder ihre Globalisierungskritik. "Die Triebkraft für den Linkspopulismus ist die  Wut auf die korrupten Eliten."

Die demokratische, pragmatische Linke vor großen Herausforderungen: Es genüge nicht, ein "Post-Washington-Consensus-Modell" zu finden, das Wirtschaftsreformen mit größeren Sozialausgaben kombiniere. Wichtig sei, dass die weitverbreitete Korruption auf dem Kontinent bekämpft werde.

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