"Wer nicht kämpft, geht unter"

CHINA. Im Turbotempo ist das Reich der Mitte zur viertgrößten Handelsmacht der Welt aufgestiegen. Doch der raue Kapitalismus der Kommunisten hat seine Schattenseiten: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.

PEKING. "Immer, wenn ich nach längerer Zeit wieder in das Stadtzentrum komme, habe ich das Gefühl, ich sei ein Fremder", staunt der 25-jährige Lee über seine Heimatstadt Peking. Ganze Viertel verschwinden in der chinesischen Hauptstadt über Nacht, ersetzt werden sie durch hypermoderne Hochhäuser und teure Einkaufszentren. Wo gestern noch eine kleine Imbiss-Stube war, steht heute ein Fast-Food-Restaurant.

Verschwunden sind die roten Fahnen, stattdessen prägen bunte Leuchtreklamen die lebendigen Einkaufsstraßen. Tempo - das ist das Motto im stets nach vorne blickenden Peking. Und nun soll es noch schneller gehen: In drei Jahren werden hier die Olympischen Spiele stattfinden. Denkmäler werden renoviert, alte Taxis ersetzt, Straßenränder begrünt.

Denn auch mit der aufpolierten Hauptstadt will die KP-Führung zeigen, dass China nun zu den ganz Großen zählt. Und dies nicht nur in der Wirtschaft, denn das beweisen ohnehin schon seit Jahrzehnten die Daten: Seit Einführung der Reformpolitik vor 25 Jahren strömen Auslandsinvestoren in das Land, seit fast 20 Jahren verzeichnet das Land Rekord-Wachstumsraten von mehr als neun Prozent pro Jahr. Das einst bitterarme China ist jetzt die viertgrößte Handelsnation der Welt.

Profitiert vom Boom haben vor allem die Einwohner der industrialisierten Küstenregion, in die der Löwenanteil der Investitionen floss. Die Kinder der Reform-Generation kleiden sich nach der letzten westlichen Mode, fahren europäische Autos, ihr Idol ist längst nicht mehr Mao Zedong, sondern der Popstar Robbie Williams. "Heute hat nicht mehr die Kommunistische Partei das Sagen, sondern das Geld", meint eine junge Akademikerin aus Peking. "Es ist eine spannende Zeit, aber es ist nicht einfach. Wer nicht kämpft, geht unter."

Rasant seien in Peking die Lebenskosten gestiegen. Um Wohnung und Alltag zu finanzieren, haben viele ihrer Freunde zwei bis drei Jobs gleichzeitig. Denn alles kostet etwas: Wer keine fixe Anstellung hat, muss selber für seine Versicherung aufkommen.

"Heute hat nicht mehr die Kommunistische Partei das Sagen, sondern das Geld."

Eine junge Akademikerin in Peking
Der raue chinesische Kapitalismus hat eben seine Schattenseiten, etwa die Arbeitslosigkeit. Derzeit beträgt diese laut internationalen Schätzungen in den Städten etwa 8,5 Prozent, am Land 30 Prozent. Künftig könnte es schwieriger werden, einen Job zu finden: Die Führung hat bereits Maßnahmen zur Bremsung des Wachstums eingeleitet, um eine "Überhitzung" der Wirtschaft zu vermeiden. Außerdem sollen marode und teure Staatsbetriebe geschlossen werden.

Vor allem für nicht ausgebildete Chinesen wird es immer schwieriger, einen Job zu finden. Hinter den hypermodernen Bauten der Metropolen Ostchinas versteckt sich auch eine andere ernüchternde Realität. Das turbokapitalistische China hat laut Weltbank mit der größten Kluft zwischen Arm und Reich weltweit zu kämpfen. Drei Viertel der Bevölkerung lebt in den nach wie vor wenig entwickelten, armen ländlichen Regionen. 120 Millionen Wanderarbeiter soll es in China geben, verarmte Bauern, die ein besseres Leben in den Städten suchen.

Täglich treffen Zehntausende am Zentralbahnhof in Peking ein. Manche überleben als Bettler in den reichen Einkaufsstraßen, andere als Postkartenverkäufer oder als Schwarzarbeiter auf Baustellen. Untergebracht sind sie in armseligen Hütten am Stadtrand der 15-Millionen-Megastadt.

Die durch die Einkommensunterschiede erzeugten sozialen Spannungen sind enorm. Zehntausende demonstrierten in den vergangenen Monaten in den ärmeren westlichen Regionen wegen Umweltverschmutzung, Armut, Korruption und Unfähigkeit der Provinzregierungen.

Die neue KP-Führung unter Präsident Hu Jintao zeigt für den politischen Unmut null Toleranz. Allerdings hat sie die prekäre soziale Lage im Land zur "allerhöchsten Priorität" erklärt und Reformen (etwa die Abschaffung der Agrarsteuern) sowie eine umweltverträgliche Wirtschaftspolitik angekündigt.

Doch oft scheitert die Umsetzung der Gesetze an den korrupten, mächtigen Provinzbossen. Die enorme Kluft zwischen Arm und Reich zählt zu den größten Herausforderungen für die Regierung. Beobachter sprechen von einer "diffusen Unzufriedenheit" in der Bevölkerung.

Um die Herzen zurückzugewinnen, setzt die Führung aber auch auf eine andere Karte: Nationalismus - und hat dabei unerwartet großen Erfolg, wie die jüngsten anti-japanischen Demonstrationen gezeigt haben. "China ist stark. Und muss dies zeigen", sagt der 18-jährige Su.

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