Ein russischer Experte über den Schutz ziviler Nuklearanlagen in seinem Land und Irans Atomprogramm.
Die Presse: Russland hat ein großes Netz nuklearer Einrichtungen. Das bringt Leute etwa in den USA immer wieder dazu, zu behaupten, in Russland sei die Gefahr groß, dass nukleares Material oder gar Atombomben in falsche Hände geraten könnten. Wie groß ist diese Gefahr?
Wladimir Koslow: Eine solche Gefahr gibt es in jedem Land, auch in den USA. Wir können das Problem nur durch schärfste Kontrolle und besten Schutz nuklearer Einrichtungen in den Griff bekommen. Was Russland betrifft: Bisher gab es weder in zivilen noch in militärischen Einrichtungen einen Fall, dass nukleares Material verschwunden ist. Als das nukleare System in Russland aufgebaut wurde, wurde Fragen des Schutzes der Einrichtungen mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der nuklearen Sicherheit selbst.
Auch mehr als in anderen Ländern?
Koslow: Als ich vor einem Jahr Kernkraftwerke in Frankreich besuchte, war ich erstaunt darüber, dass es dort gerade einmal 20 Meter von Atomanlagen entfernt zivile Bauten gibt und die Schutzzäune der Nuklearanlagen nur mit Videokameras überwacht werden. So etwas werden Sie in Russland nicht finden, bei uns kommen Sie nicht einmal in die Nähe eines Kernkraftwerks. Ich glaube, dass Russland sehr hohe Standards beim Schutz der Kernanlagen hat.
Sind diese Schutzstandards während der sowjetischen Ära noch besser gewesen?
Koslow: Man kann die damaligen und die heutigen Schutzsysteme nicht vergleichen. In der Sowjetzeit stand der "menschliche Faktor" bei den Schutz- und Sicherungsmaßnahmen im Mittelpunkt. Wir hatten eine Generation, die sich der Kommunistischen Partei und ihren Anliegen verpflichtet fühlte. Jede Verletzung der Arbeitsdisziplin galt damals als Verstoß gegen die kommunistische Ideologie. Heute verliert in der ganzen Welt der "menschliche Faktor" an Bedeutung, denn Menschen können bestochen, irregeführt, erpresst werden. Parallel dazu gewinnen technische Schutzeinrichtungen immer mehr an Gewicht, auch in Russland.
Für wie groß halten Sie die Gefahr, dass Terroristen nukleare Anlagen angreifen könnten?
Koslow: Ich bin kein Spezialist für Terrorismus. Aber als Experte für die Sicherheit von Nuklearanlagen muss ich natürlich berücksichtigen, wie diese am besten gegen terroristische Gefahren geschützt werden können. Und ich kann sagen, dass in den jüngst errichteten Atomanlagen in Russland oder in China die Schutz- und Abwehrmaßnahmen gegen Terrorangriffe auf hohem Niveau sind. Im Vergleich zu anderen Ländern sind sie sogar besser.
Wie sieht es in Bushehr im Iran aus, wo Russland ein AKW baut?
Koslow: Es gab immer wieder Berichte, wonach sich Terroristen im Iran aufhalten würden. Was ich berichten kann, ist, dass die iranischen Kernanlagen vom Militär geschützt werden. Es ist dort sehr schwer, auch nur in den weiteren Umkreis zu kommen.
Sie kennen die iranischen Anlagen. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist Irans Atomprogramm strikt zivil?
Koslow: Es wurden im Iran Zentrifugen mit Spuren von angereichertem Uran entdeckt. Aber solange man keine Spuren einer Nuklearwaffe findet, kann man wohl nicht von einem militärischen Atomprogramm sprechen. Ich bin bei meinen 20 Besuchen im Iran nie auf Anzeichen eines militärischen Programms gestoßen. Um eine Atombombe zu bauen, braucht man viele Jahre. Und ein solches Projekt lässt sich nicht verheimlichen.