Kolumbien: "Die Bauern stehen zwischen den Fronten"

Bischof Francisco Javier Múnera beschreibt im "Presse"-Gespräch die triste Lage im Bürgerkriegsgebiet.

WIEN. Familien, in dem der eine Sohn für die linke Rebellengruppe FARC kämpft, der andere für das kolumbianische Militär: "Das ist die traurige, die absurde Realität Kolumbiens", sagt Bischof Francisco Javier Múnera im "Presse"-Gespräch. Seit Jahren kümmert sich der Geistliche, ein Projektpartner der "Dreikönigsaktion", im Vikariat San Vicente-Puerto Leguízamo um die von Krieg und Armut geplagten Bauern. Die Region am südlichen Amazonas befindet sich mitten im Kriegsgebiet.

Seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen Regierung und FARC im April 2002 kämpfen Rebellen und Armee um die Kontrolle des Gebiets. "Die Bauern stehen zwischen den Fronten. Sie sind zur Zielscheibe dieses Konflikts geworden", seufzt der Bischof.

So zwingt auf der einen Seite das Militär junge Menschen aus den Landregionen, am Krieg teilzunehmen. Der "Plan Columbia", mit dem die Regierung gegen den Drogenanbau und die Guerilleros vorgeht, sieht Rekrutierungen in Dörfern vor. "In Kolumbien ist de facto der Militärdienst nur für die Armen verpflichtend", konstatiert der Bischof verbittert.

Auf der anderen Seite rekrutiere die FARC oft erst 14-Jährige - manchmal mit Gewalt, andere Jugendliche würden freiwillig gehen: "Sie sind eine leichte Beute. Denn wegen der bitteren Armut, in der ihre Familien leben, haben sie keine Wahl." Die Rebellen würden die jungen Menschen mit dem Versprechen anlocken, am lukrativen Kokainhandel teilhaben zu dürfen, schildert der Bischof.

Die Abhängigkeit der Dorfbevölkerung von den FARC-Rebellen bestehe seit Jahrzehnten: Vor dem drastischen Vorgehen der Regierung gegen den Koka-Anbau seien die Guerilleros, die ihren Kampf durch den Kokainhandel finanzieren, der "wichtigste Kunde" der Bauern im Vikariat des Bischofs gewesen. Doch auch heute noch ist die Abhängigkeit groß, betont Múnera: Die FARC habe die totale Kontrolle über die Dörfer, "die Rebellen wissen über jeden Schritt jedes Einzelnen genau Bescheid".

Aus einem anderen Grund habe sich die Abhängigkeit der Bauern sogar noch verschärft: "Das Militär hat das Gebiet gesperrt und die Einfuhr von lebenswichtigen Gütern eingeschränkt. Es fehlt an allem - Nahrungsmitteln, Medikamenten, Zement", sagt der Bischof. "Die Menschen in San Vincente haben keine Wahl. Sie müssen mit der FARC zusammenarbeiten."

Múnera selbst ist im ständigen Kontakt mit der mittleren Führungsebene der FARC. "Das garantiert uns eine gewisse Sicherheit". Es ist aber die Jugend, die dem Bischof die größten Sorgen bereitet. "Diese Generation kennt nur Gewalt und Armut. Für sie gibt es keine Hoffnung. Ihr einziger Ausweg aus dem Elend ist der illegale Drogenanbau", sagt er. "Und ebendies müssen wir bekämpfen." Scharf kritisiert Múnera die Regierung in Bogotá, die nicht für den Schulbetrieb aufkomme.

Aus diesem Grund konzentriere sich die Arbeit der Kirche auch auf Erziehungsprogramme: In einem Projekt wird Jugendlichen neben einer Schulausbildung auch ein Training in Landbau geboten. In kleinen Gruppen lernen die jungen Menschen Kakao und Kautschuk anzupflanzen, die Kirche hilft ihnen bei der Vermarktung der Produkte. "Ausbildung und Erziehung: Das ist die einzige Alternative, die den Weg in Richtung Frieden ebnen kann", ist Múnera überzeugt.

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