Der "hausgemachte" Terror

ANALYSE. Selbstmordterror ist kein orientalisches Phänomen mehr.

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on einem "Alptraum" schreibt der "Independent", von einem "Erdbeben" der "Guardian". Selbst Innenminister Charles Clarke zeigte sich am Tag nach den Enthüllungen über die wahrscheinlichen Urheber der Londoner Anschläge vom 7. Juli "überrascht und schockiert" darüber, dass die Terrorwelle offensichtlich "hausgemacht" sei.

Die britischen Terroristenfahnder förderten tatsächlich ein paar schockierende neue Erkenntnisse zutage: Erstmals sind in Großbritannien, ja überhaupt in Westeuropa, "Selbstmordattentäter" aufgetaucht. Die Attentäter waren dabei keine moslemischen Fanatiker aus irgendeinem von Konflikten heimgesuchten fremden Land, sondern sie kamen mitten aus der eigenen Gesellschaft; junge Männer aus moslemischen Gemeinden, in England geboren, dort aufgewachsen, sozialisiert und offensichtlich auch radikalisiert.

Eine Vielzahl von Fragen sind noch völlig ungeklärt: Was hat denn die vier Moslems dermaßen radikalisiert, dass sie sich mitsamt Landsleuten und Glaubensbrüdern in die Luft sprengten? Von wo aus und von wem wurden sie zu ihrer Tat angestiftet? Wie viele solcher "hausgemachten" Terrorzellen gibt es bereits? Halten sie Kontakt untereinander? Und warum hat es fünf Tage gedauert, bis die britischen Sicherheitsbehörden zugegeben haben, dass es sich bei den Londoner Terroranschlägen um Selbstmordattentate handelte?

Tatsächlich legten in den ersten Tagen nach dem 7. Juli die Polizeiquellen die Spuren zu den Urhebern der Anschläge eher ins Ausland. Diverse Figuren mit nordafrikanischem Hintergrund geisterten tagelang durch die Schlagzeilen. Möglicherweise geschah dies ganz bewusst, um Panik und Racheaktionen gegen moslemische Mitbürger zu vermeiden.

Auch als die Londoner Stadtpolizei am Dienstag erste Ermittlungsergebnisse zu den Terroranschlägen öffentlich bekannt gab, verband sie dies mit dem eindringlichen Appell, "keine Gemeinschaft zu stigmatisieren."

John Stevens, bis Anfang des Jahres Londoner Polizeichef, tippte gleich auf "einheimische" Täter und berichtete, dass während seiner aktiven Zeit acht versuchte Anschläge aufgedeckt worden seien: alle von britischen Extremisten geplant und alle von unterschiedlichen Terrorzellen.

Laut offiziellen Angaben gibt es 1,6 Millionen Moslems in Großbritannien, über die Hälfte davon hat ihre Wurzeln in Pakistan und Bangladesch. Gerade Angehörige dieser beiden Gruppen sind besonders schlecht ausgebildet, ihre Arbeitslosigkeit ist dreimal höher als im Landesdurchschnitt. Das extremistische Element beträgt laut Einschätzungen des Geheimdienstes weniger als ein Prozent, also rund 16.000 potenzielle Terroristen plus Sympathisanten. Bis zu 3000 britische und in Großbritannien lebende ausländische Islamisten sollen ein Terroristen-Training durchlaufen haben.

Premier Tony Blair hat gestern im Parlament bereits eine Verschärfung der Gangart gegen Extremisten angekündigt: Die britischen Grenzen für Fanatiker würden geschlossen, Hassprediger des Landes verwiesen. Was er nicht sagte: Um wie viele Leute jene 1000 Undercover-Agenten verstärkt werden, die die britischen Sicherheitsdienste im Kampf gegen die islamistische Bedrohung bereits im Einsatz haben.

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