Zum Jahrestag des Tiananmen-Massakers warnen Dissidenten vor dem brutalen Machtdenken der KP.
WIEN. Es waren Bilder, die die Welt erschütterten: Jene der chinesischen Panzer, die am 4. Juni 1989 die Studentenproteste am Tiananmen-Platz in Peking niederwalzten. "Seit damals ist die Lage noch schlimmer geworden", sagt der Journalist Michel Wu bei einer Podiumsdiskussion der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" am Freitag im Wiener Presseclub "Concordia" verbittert.
Zur Zeit des Massakers war Wu Korrespondent der chinesischen Nachrichtenagentur "Xinhua" in Paris. Als er im französischen TV das Ereignis verfolgte, gab er die Schlüssel seines Büros ab und kündigte. Heute lebt er im Exil. "Die kommunistische Regierung hat die Entwicklungen in Osteuropa und der Sowjetunion ganz genau beobachtet. Sie will nicht dasselbe Schicksal erleiden", erklärt Wu. So wird im wirtschaftlich boomenden China jegliche oppositionelle Bewegung oder auch nur leiseste Kritik an der Regierung mit brutaler Gewalt zum Schweigen gebracht. Die Medien seien auch heute noch nur ein Sprachrohr der Regierung, so Wu.
Ein düsteres Szenario zeichnet Wei Jingsheng, einer der wichtigsten Dissidenten Chinas: "Wir müssen die nächste Katastrophe verhindern", warnt der für sein demokratisches Engagement mit dem europäischen Sacharow-Preis ausgezeichnete Oppositionelle. Wegen der zunehmend größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich sei vor allem in der ländlichen Bevölkerung der Unmut enorm. Die KP sei sich dieser Bedrohung bewusst - und bereite deshalb einen Angriff auf Taiwan vor: "Durch einen Krieg will die KP von internen Problemen ablenken und die Autorität wiedergewinnen", ist Wei überzeugt. Einen potenziellen Alliierten habe Peking bereits: Mit Russland hat China ein strategische Partnerschaft abgeschlossen. "Ein globaler Krieg droht", warnt der Dissident.
Lea Zhou, Chefredakteurin der Regime-kritischen Zeitung "Epoch Times" spricht von "einer stillen Veränderung" in der chinesischen Gesellschaft: "Früher haben die Menschen noch gehofft, dass sich die Partei reformieren könnte. Heute sind sie von den Kommunisten enttäuscht." Ihr Beweis: 30.000 Chinesen treten täglich über die Internetseite ihrer Zeitung aus der KP aus. "Bisher haben über zwei Millionen Chinesen weltweit ihre Austrittserklärung bekannt gegeben, die Hälfte davon ist in Festland-China."
Für die Festland-Chinesen sei die Abgabe des Parteibuches gefährlich. "Aber sie tun es trotzdem. Viele schreiben, dass sie sowieso nichts mehr zu verlieren haben. Mit dem Austritt und dessen Veröffentlichung wollen sie ihren Frust publik machen", sagt Lea.