Nach der orangen Revolution die Mühen der Ebene: Die Erwartungen in den Aufbruch der Ukraine im Spätherbst 2004 sind vielfach enttäuscht worden.
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chneller als erwartet beginnt der orange Putz abzublättern. Die weltweit gefeierte orange Revolution, die im Spätherbst 2004 so schwungvoll vom Maidan im Zentrum Kiews aufgebrochen ist, um die Ukraine zu einer lupenreinen Demokratie, effizienten Marktwirtschaft und zu einem funktionierenden Rechtsstaat zu machen, plagt sich schon nach ein paar Monaten durch die Mühen der Ebene. Die internationale Berichterstattung über das Geschehen am Dnjepr ist überaus kritisch geworden. Und in der ukrainischen Bevölkerung beginnt sich Enttäuschung über die bisher so mageren Ergebnisse des politischen Umbruchs breit zu machen.
Natürlich wird Präsident Viktor Juschtschenko überall in der Welt, vor allem aber in den westlichen Hauptstädten, noch immer als Galionsfigur dieses Umbruchs gefeiert. Der von einem Giftanschlag während des Wahlkampfs noch schwer Gezeichnete genießt die Huldigungen und wird nicht müde, für sein strategisches Ziel - die Westintegration der Ukraine - die Werbetrommel zu rühren.
Aber schon wird in seiner Heimat kritisch gefragt, ob der Präsident nicht ein bisschen gar viel in der Welt herumreist, während die Entwicklungen zu Hause aus dem Ruder laufen und seine volle Aufmerksamkeit benötigen würden. Vermutlich haben alle einfach zu viel vom Neuaufbruch des Landes im Spätherbst 2004 erwartet. Übersehen wurde dabei, dass der Wechsel in der politischen Führung in Kiew ja gar nicht so radikal war. Die Paradefiguren dieser Revolution nach außen - Juschtschenko, Premierministerin Julia Timoschenko oder auch Außenminister Boris Tarasyuk - haben alle schon im Ancien Regime von Leonid Kutschma gedient.
Natürlich, ihre Parolen sind andere, ihre strategische Orientierung Richtung Westen ist eindeutig (kein Slalom zwischen Ost und West wie unter Kutschma). Aber geblieben sind der Machtinstinkt, die alten Herrschaftsinstrumente und -apparate, geblieben ist die Bürokratie. Juschtschenko betonte auch gestern in Wien wieder, dass zuletzt 18.000 Funktionäre entlassen worden seien. Es betraf dies vor allem Leute in Spitzenposten. Aber der ganze Mittel- und Unterbau der Bürokratie ist gleich geblieben - und der war stets genauso korrupt wie die Spitze.
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as Bild der neuen Führung trübte zudem der offene Streit zwischen Juschtschenko und Timoschenko. Offizielle ukrainische Vertreter machen es sich zu leicht, wenn sie behaupten, die Differenzen zwischen den beiden würden nur von russischen Medien hochgespielt. Auch westliche Diplomaten in Kiew bestätigen, dass der Präsident der Premierministerin beschieden habe: "Wenn du mit meiner Politik nicht einverstanden bist, dann kannst du dich ja der Opposition anschließen."
Die ukrainischen Machtverhältnisse bleiben also in Schwebe. Alle, auch potenzielle ausländische Investoren, warten und hoffen darauf, dass die Parlamentswahl im März 2006 eine Klärung bringt und dann vor allem die obstruktive kommunistische Opposition eine Abfuhr erhält. Zuletzt haben Juschtschenko und Timoschenko öffentlich wieder Geschlossenheit gezeigt. Trotzdem gut möglich, dass sich die Wege des Präsidenten und seiner ehrgeizigen Regierungschefin im Wahlkampf wieder trennen werden.