Feindbild USA. Ein Moskauer Politologe sieht hinter allem Ungemach in seinem Land seit 1991 das subversive Treiben der Amerikaner. So denkt der überwältigende Teil der Russen.
Wildbad Kreuth. Ob die Russland-Politik des Westens gescheitert sei, fragt sich die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der bayrischen Hanns-Seidel-Stiftung, und lud Experten in ihr Bildungshaus in Wildbad Kreuth, um die Frage zu beantworten. Nein, hieß es von Seiten der aus Russland angereisten Gäste, sie sei sogar überaus erfolgreich gewesen - erfolgreich dabei, mit Hilfe einer von den USA aus gesteuerten "Fünften Kolonne, die Macht Russlands zu brechen".
In Wildbad Kreuth fühlte man sich angesichts der Ausführungen russischer Teilnehmer mitten in die heißeste Phase des Kalten Krieges zurückversetzt, mit wüsten Anschuldigungen gegen die USA, die nach dem Zerfall der Sowjetunion einen "unerklärten subversiven Krieg gegen Russland" angezettelt hätten. Den Ton gab dabei Professor Wjatscheslaw Daschitschew von der Russischen Akademie der Wissenschaften an, eine zu vielen außenpolitischen Konferenzen in Deutschland geladene russische Stimme.
Daschitschew zufolge verfolgt Washington seit 1991 das Ziel, Russland "von innen zu beherrschen und als einen globalen Akteur und ein politisches und militärisches Gegengewicht zu den USA zu beseitigen". Dazu habe die Regierung von US-Präsident Bill Clinton die "Doktrin der neuen Eindämmung Russlands" entwickelt und konsequent umgesetzt.
Unter Einsatz "wirtschaftlicher und finanzieller Mittel, der Schaffung eines verzweigten Netzes einer pro-amerikanischen Lobby, durch Bestechung oder Erpressung von Politikern, Geschäftsleuten und sogar Geheimdienstlern" sei Russland in den 90er Jahren auf "stille Weise erobert" worden. Der damalige Präsident Boris Jelzin sei zum "willfährigen Werkzeug" der Amerikaner geworden.
Und heute? Die Regierung von George W. Bush wolle an Clintons erfolgreiche "neue Eindämmungspolitik" anknüpfen. Bush verfolge das Ziel, die Eliten, die unter Jelzin die Herrschaft an sich gerissen hätten, "zu unterstützen und an der Macht zu halten". Auch habe Bush die "Einkreisung Russlands" intensiviert, um mit Hilfe der "bunten Revolutionen" ("sie werden von den USA organisiert, finanziert und durchgeführt") einen "cordon sanitaire" um Russland zu schaffen.
Nur durch eine starke Staatsmacht könne Russland dem Druck der USA widerstehen. Präsident Wladimir Putin bemühe sich zwar darum, doch Washington unternehme alles, "um die Stärkung der russischen Staatlichkeit zu verhindern". Putin, so der Politologe, sei in seinem Handlungsspielraum begrenzt, eben weil es nach wie vor pro-amerikanische Kräfte aus der Jelzin-Ära im Kreml gebe. Doch im russischen Volk wachse die Wut auf "Amerika und seine Handlanger in Russland: Schon wird die Frage gestellt: Wann beginnt endlich die Eindämmungspolitik gegen die amerikanische Expansion?"
Einige Tagungsteilnehmer aus Deutschland zeigten sich entsetzt über "die ans Groteske" grenzenden Thesen Daschitschews, und wiesen gleichzeitig besorgt darauf hin, dass wohl an die 90 Prozent der russischen Bevölkerung und mehr dieses Verschwörungsszenario teile. Botschafter Hans-Georg Wieck, einst Chef des Bundesnachrichtendienstes, bezeichnete es als "glatte Unterstellung", den USA die "Unterminierung Russlands" vorzuwerfen und sie für das russische Chaos in den 90er Jahren verantwortlich zu machen. "Die Verantwortung für die tragischen Entwicklungen nach 1991 tragen allein die Entscheidungsträger in Moskau."