Abwehrbereit - und doch schwer getroffen

Nachrichtendienste. Die ersten Kritiker tauchen auf, die dem britischen Sicherheitsapparat Versagen vorwerfen.

WIEN. Am Morgen des 7. Juli war die Welt für den Londoner Polizeichef Ian Blair noch in Ordnung. Am Tag zuvor war seine Stadt dazu auserkoren worden, die Olympischen Sommerspiele 2012 zu beherbergen, im Morgenfernsehen wurde der oberste Polizist der Hauptstadt zur Sicherheitslage befragt. Die ganze Polizeiwelt, erklärte Sir Blair stolz, beneide die Londoner Sicherheitskräfte für ihre Expertise auf dem Feld der Terrorismusbekämpfung. Aber er betonte auch zum x-ten Mal: "London ist im Visier der Terroristen".

Nur wenig später krachte es in London viermal, dreimal im Untergrund, ein Doppeldeckerbus flog in die Luft. Und schon wird die zynische Frage gestellt, wie denn das mit der so außerordentlichen Londoner Expertise bei der Terrorabwehr denn eigentlich sei.

Dabei ist es eine Tatsache: Die britischen Geheimdienste - MI6 für die Auslands-, MI5 für die Inlandsaufklärung zuständig - werden nach wie vor zu den effizientesten Spionagediensten der Welt gezählt; dasselbe gilt für Polizeieinheiten der Insel wie Scotland Yard. Und London hat wie keine andere westliche Metropole schon jahrzehntelange Erfahrung mit der Geißel des Terrorismus.

Was es an möglichen Abwehrmaßnahmen gegen die terroristische Bedrohung gibt - London kennt sie, testet sie, setzt sie um. Wohl keine andere europäische Stadt wird an ihren neuralgischen Punkten so genau beobachtet - sei es von Sicherheitsbeamten, sei es von Kameraaugen.

Aber trotz aller ständiger Aufklärungsarbeit und Beobachtung der potenziellen Terroristenszene: "Wir hatten keine geheimdienstlichen Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorangriff. Wir wurden von keiner Organisation in irgendeiner Weise gewarnt, dass so etwas passieren könnte", erklärte Sir Blairs Stellvertreter, Brian Paddick, nach der Anschlagsserie.

Tatsächlich hatte der britische Geheimdienstapparat erst Anfang Juni die Terror-Warnstufe um eine Stufe heruntergesetzt. Die Terrorskala hat sieben Stufen: "Imminent" (unmittelbar drohend) ist die höchste; dann kommt "severe specific" (spezifischer Ernstfall). Während des Wahlkampfs im Frühjahr galt Stufe fünf: "severe general" (allgemeiner Ernstfall). Damals wurde befürchtet, dass Terroristen - wie im März 2004 in Spanien - die Gelegenheit ausnutzen könnten, um den britischen Wählerwillen durch einen blutigen Anschlag zu manipulieren. Wenige Wochen nach der Wahl wurde die Terror-Warnstufe dann auf Stufe vier, "substantial" (substanziell) heruntergesetzt.

Aber warum die Entwarnung, fragen bereits die ersten Geheimdienstkritiker aufgeregt, zumal mit der Übernahme der EU-Präsidentschaft und der Austragung des G8-Gipfels sich das Amerika-treue Großbritannien noch zusätzlich als lohnendes Terror-Ziel angeboten hat? Im "Guardian" schreibt ein früherer Nachrichtenanalytiker von einem "Geheimdienstversagen". Freilich heißt es in den britischen Medien auch, dass in den vergangenen vier Jahren mindestens drei große Terroranschläge von den Sicherheitsdiensten verhindert worden seien.

Die britischen Dienste sprechen von 200 im Land lebenden potenziellen Terroristen, die in Afghanistan, Tschetschenien oder Bosnien ausgebildet worden seien. Dazu kämen zwischen 1000 und 3000 Sympathisanten des "Heiligen Krieges" in Großbritannien.

Die gewaltbereite Islamisten-Szene, die mit größter Wahrscheinlichkeit hinter dem "blutigen Donnerstag" steckt, besteht nach Geheimdienst-Erkenntnissen aus zwei Gruppen: Ausländer, vor allem Nordafrikaner, die in die Moslemgemeinschaft eingetaucht sind, die aber durch frühere Reisen nach Afghanistan und neuerdings in den Irak bereits die Aufmerksamkeit der Terrorfahnder auf sich gezogen haben.

Offenbar viel schwerer zu kontrollieren ist die zweite Gruppe: In Großbritannien geborene und ausgebildete Moslems, die sich sukzessive radikalisiert und zu "stillen", autonomen Terrorzellen formiert haben: "Wie soll man an Leute herankommen, die wild entschlossen sind, den Ungläubigen ein schweren Schlag zu versetzen, die aber Kontakte meiden, möglichst nicht über öffentliche Netze kommunizieren, keine frequentierten Moscheen besuchen und die nie nach Pakistan oder in den Irak reisen? Solche Leute haben gute Chancen, sich nicht im Netz der Terrorfahnder zu verfangen", erklärt resignierend ein Experte.

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