UNO: Die Welt steht auf der Kippe

Alarmzeichen. Umweltbehörde zieht weltweit Bilanz: Fast zwei Drittel der Ökosysteme wurden in den letzten 50 Jahren so übernutzt, dass sie bald ihre Dienste einstellen könnten.

WieN. "Die Aktivität des Menschen lastet so schwer auf den natürlichen Funktionen der Erde, dass die Fähigkeit der Ökosysteme, künftige Generationen zu versorgen, nicht mehr als selbstverständlich betrachtet werden kann." Das ist der zentrale Befund einer weltweiten Bilanz, die 1300 Forscher im "Millennium Ecosystem Assessment" seit 2001 für die UN-Umweltbehörde Unep gezogen haben. Demnach wurden 60 Prozent der Ökosysteme - 15 von 24 - in den letzten 50 Jahren so übernutzt, dass sie ihre Dienste nicht mehr zur Verfügung stellen können, wenn nicht gegengesteuert wird. Besonders kritisch steht es um das Wasser, die Fischerei, das Klima und Krankheiten.

Heute wird Flüssen und Seen doppelt soviel Wasser entnommen wie 1960. Erst wird es eingestaut - sechsmal soviel Wasser steht hinter Dämmen, wie frei durch die Flüsse fließen kann -, dann geht vieles auf Felder. Die werden heute mit doppelt soviel synthetischem Stickstoff und dreimal soviel Phosphor gedüngt wie vor 40 Jahren. Vieles davon geht wieder in Flüsse und Meere und bringt Algenblüten, die ihrerseits an der Dezimierung des Meereslebens mitwirken, das ohnehin die Überfischung nicht mehr ausgleichen kann. Dann kann es regional kippen ("tipping point") und sich lange nicht mehr erholen, seit 1992 ist der Kabeljau vor Neufundland verschwunden und nicht wiedergekehrt, obwohl ihm nicht mehr nachgestellt wird.

Aber die Ökosysteme leiden nicht nur an Übernutzung, sondern auch an Vereinheitlichung, die Biodiversität schwindet durch die Dezimierung des natürlichen Lebens - 100 Arten sind im letzten Jahrhundert verschwunden, die Dunkelziffer liegt vermutlich um einen Faktor 1000 höher -, sie schwindet auch durch die Landwirtschaft, die weltweit fast überall die gleichen Sorten anbaut.

Noch eines bringt eine Verarmung der Vielfalt: sogenannte "Bioinvasionen". Dabei werden von Menschen absichtlich oder unabsichtlich Lebensformen über den ganzen Planeten verteilt: Man setzte einst in Australien Kaninchen frei, sie fressen nun das Land kahl. Oder man bringt die Neulinge im Ballastwasser von Schiffen, das hat die großen Seen in den USA ruiniert - dort dominiert nun eine europäische Muschel -, das hat das Schwarze Meer komplett sterben lassen, im Ballastwasser von Schiffen aus den USA war eine Qualle, die alles fraß.

Und die sterbenden Korallen, und die globale Erwärmung durch die Treibhausgase, und die Bodenerosion inklusive Wüstenbildung - die Forscher tragen alles zusammen und vergessen auch nicht, vorzurechnen, dass die Folgen vor allem die Armen der Welt treffen werden, und die stellen die Mehrheit der Weltbevölkerung, die von 1960 bis 2000 von drei auf sechs Milliarden gewachsen ist.

Aber auch sie könnten so versorgt werden, dass die Natur nicht darunter zusammenbricht. Davon sind die Forscher überzeugt: "Die Zukunft liegt wirklich in unseren Händen. Wir können die Degradation vieler Ökosysteme rückgängig machen", erklärt Walter Reid, Organisator der Bilanz: "Dazu braucht es allerdings substanzielle Änderungen in Politik und Lebensweise, die gegenwärtig noch nicht auf den Weg gebracht sind."

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