"Allein mit all den Ängsten"

INTERVIEW. Die italienische Journalistin Giuliana Sgrena schildert im "Presse"-Gespräch ihre einmonatige Geiselhaft in Irak.

WIEN/ROM. Giuliana Sgrena schafft es nicht, zu vergessen. Ständig hat die italienische Journalistin die Bilder ihrer Geiselhaft in Irak vor Augen: "Immer, wenn ein Ausländer in Irak entführt wird, kommen all die Erinnerungen wieder hoch. Oft werde ich auch von Angehörigen kontaktiert. Dann bricht der Schmerz erneut aus", sagt sie der "Presse".

Am 4. Februar wurde die Reporterin der Zeitung "il Manifesto" im Zentrum von Bagdad von den "Mudschaheddin ohne Grenzen" entführt. Einen Monat hielten die Extremisten Sgrena in ihrer Gewalt. Sie forderten den Abzug italienischer Truppen aus Irak.

In den ersten Tagen habe sie noch "mit Wut" reagiert und versucht zu verstehen, wer ihre Kidnapper seien, schildert die Frau. Doch dann habe die Verzweiflung überwogen. "Ich saß die ganze Zeit alleine in einem Zimmer. Oft war es dunkel, da in Irak die Elektrizität nur sporadisch funktioniert. Ich durfte nichts tun - nicht einmal lesen. Das war für mich das Schlimmste: das Warten auf das Ungewisse; die ganze Zeit mit meinen Gedanken, meinen Ängsten alleine zu sein".

Ihre Kidnapper gaben ihr regelmäßig Essen, auch Medikamente. "Ich hatte den Eindruck, dass sie einem Verhaltenskodex folgten. Dass sie mich wie eine politische Gefangene behandelten."

Der schlimmste Moment? "Als ich erfuhr, dass mir eine Gruppe ein Ultimatum gesetzt hat. Ich war verzweifelt, terrorisiert." Die Kidnapper hätten ihr aber versichert, nichts damit zu tun zu haben. "Ich glaubte ihnen nicht." Traumatisch sind für Sgrena auch die Erinnerungen an ihre Befreiung. Unter nach wie vor ungeklärten Umständen wurde damals der italienische Geheimdienstmitarbeiter, Nicola Calipari, erschossen. "Ich hatte gerade realisiert, dass ich tatsächlich frei war. Dann begannen sie, auf mich zu schießen." Sgrena wurde an einer Schulter verletzt. Die Wunde schmerzt heute noch.

Sie hat "natürlich nicht vor", bald wieder in den Irak zurückzukehren. Nicht nur wegen ihrer Erfahrung: Es sei derzeit "sinnlos", als westlicher Journalist in Irak zu arbeiten. "Man kann sich nicht frei bewegen. Es ist unmöglich, Informationen aus erster Hand zu bekommen oder Nachrichten zu überprüfen."

Giuliana Sgrena nimmt an der Lesung "Reporter im Krieg. Warum Krieg" am Sonntag um 20 Uhr im Akademietheater teil. Veranstalter: Bruno Kreisky Forum, Reporter ohne Grenzen, Burgtheater.

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