Bilanz: Seltsamer Fortschritt

W
er zu spät kommt, den bestraft das Leben: Dieser berühmt gewordene Gorbatschow-Sager könnte jenem "Presse"-Leser durch den Kopf gegangen sein, dem die Fahrzeit des Nacht-Zugs von Wien ins oberitalienische Triest mit zwölf Stunden und einer Minute (inklusive umsteigen) ein wenig üppig erschien. Und der - er ist gelernter Historiker - daraufhin historische Fahrplanstudien anstellte. Ergebnis: Hätte er die Reise nicht 2005, sondern schon 1912 angetreten, wäre er um genau 51 Minuten schneller im damals noch kaiserlich-königlichen Adriahafen gewesen.

Leser M. findet diese Art von atemberaubendem Fortschritt "seltsam". Wir, die wir den inneren Zustand der europäischen Staatsbahnen halbwegs kennen, nicht. Unsereins findet es höchstens merkwürdig, dass man in der Frage, wieso der Straßenverkehr die Bahn so alt aussehen lässt und ihr demgemäß seit Jahrzehnten konstant Marktanteile abjagt, immer noch teure Verkehrsexperten konsultiert. Anstatt intensiv Kunden wie Herrn M. zuzuhören. Und dann entsprechend zu handeln. Wäre das nichts für einen Neujahrsvorsatz?

Die Gefahr, dass österreichische Konsumenten in einen unerfüllbaren Progressivitätsrausch verfallen, ist ohnehin überschaubar: Gerade erst hat beispielsweise eine satte Mehrheit bei einer OGM-Umfrage zu Protokoll gegeben, sie würden erwarten, 2015 (!) schon Sonntags einkaufen zu können. Wow, das geht aber rasant. Jetzt aber bitte nicht über rückständige Älpler lamentieren: Die Menschen schätzen nur die Flexibilität ihrer Gewerkschafter, Kämmerer und Wirtschaftspolitiker realistisch ein. Und später ist besser als gar nicht.

Aber im Ernst: Das reichlich banale Beispiel des Herrn M. zeigt, wo in der Verkehrspolitik wirklich der Hund begraben liegt. Und, dass nationale Bahn-Reformen allein zu wenig sind. Wenn die ÖBB jetzt beispielsweise mit dem organisatorischen "Kastelzeichnen" fertig sind, ihre Züge und Bahnhöfe auf Vordermann gebracht und vernünftige Fahrpläne ausgeheckt haben, wenn sich "Bahnbeamte" zu Service-Kräften gemausert haben, dann ist vorderhand einmal viel geschehen.

A
ber es ist erst die halbe Miete. Denn Bahn heißt auch Langstreckenverkehr. Nicht nur bei der Güterbeförderung, wo die klassische Weisheit lautet, dass in einem optimalen Verkehrssystem die Bahn die Langstrecke und der Lkw die "Fläche" bedient. Langstreckenverkehr heißt in einem kleinen Land wie Österreich Grenzüberschreitung. So lange internationale Güterzüge mit durchschnittlich 18 Stundenkilometern dahinbummeln und internationale "Schnellzüge" nicht einmal Fahrzeiten aus der frühen Dampflokomotivenzeit schaffen (Die zitierte Triest-Verbindung ist leider kein Einzelfall), hat die Schiene gegen Straßen- und Luftkonkurrenz keine Chance.

Das überfordert aber die nationalen Bahngesellschaften: Hier was weiter zu bringen wäre Sache der (im Eisenbahnwesen praktisch nicht vorhandenen) europäischen Verkehrspolitik. Genau gesagt, der EU-Verkehrsminister. Irgendwann werden ja wir auch wieder einen haben, dem mehr einfällt als Tempobolzen auf der Autobahn und Blaulicht für Ministerkarossen. Der könnte dann ja in diese Richtung aktiv werden. Die Steuerzahler würden's ihm sicher danken.


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