Meinung: Objektiv wahre Halbwahrheit

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chtzig Prozent aller media len Inhalte seien das direkte Ergebnis von PR-Aktivitäten, hat ein deutscher PR-Experte einmal gesagt. Und als Verhaltensmaßregel für seinesgleichen hinzugefügt: "Was Sie sagen muss immer wahr sein, aber Sie müssen nicht immer alles sagen, was wahr ist."

Man sollte das im Hinterkopf haben, weil diese Strategie des Verbreitens von objektiv wahren Halbwahrheiten offenbar sehr verbreitet ist.

Die Bahn-Lobby beispielsweise geht derzeit mit einem "Riesenerfolg" der Schweiz hausieren: Die Zahl der LKW-Transitfahrten ist dort seit 2001 um 19 Prozent gesunken. Schön für die Schweizer Umwelt. Gewünschte Assoziation: Es habe ("was Österreich nicht zusammenbringt", wie die "Krone" titelte) eine Verlagerung auf die Schiene gegeben.

Was die Bahn-Lobby verschweigt: 2001 hat die Schweiz das prohibitive (zur Transitumleitung in die Nachbarländer eingeführte) LKW-Gewichtslimit auf Druck der EU von 28 auf 35 Tonnen angehoben, seit heuer dürfen sogar 40-Tonner durchs Land donnern.

Wenn man um ein Viertel mehr auf den Laster laden darf, dann heißt das was? Bingo: Man muss weniger oft fahren. Und wenn die Lkw-Kapazität um 25 Prozent steigt, die Zahl der Fahrten aber nur um 19 Prozent abnimmt, dann heißt das was? Richtig: Das Straßentransit-Volumen hat trotz hoher Maut zu- und nicht abgenommen. Nix ist's mit der Verlagerung auf die Schiene.

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atsächlich schreibt der stellvertretende Leiter der Sektion Verkehrspolitik im Berner Bundesamt für Raumentwicklung, Ueli Balmer, in einer für die OECD erstellten Studie, Hauptziel einer (gleichzeitig mit der Tonnagerhöhung eingeführten) höheren Maut sei es gewesen, "Gütertransporte von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Bis dato konnte aber kein entsprechender Trend festgestellt werden". Und: Eine größere Verlagerung auf die Schiene sei nur möglich, wenn die Bahn "bedeutende Produktivitätszuwächse" erziele und ihre Verlässlichkeit verbessere.

Genau das ist es: Solange die europäischen Bahnen enorme Produktivitäts- und Organisationsdefizite haben und national zersplittert agieren, helfen weder Tunnels noch Mauten dagegen, dass der Straßentransport davon zieht. Das gilt selbst für das Eisenbahn-Wunderland Schweiz - und viel mehr noch für dessen Nachbarländer.


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