Meinung: Demografische Schwindsucht

I
n zehn Jahren, so um 2015 herum, werden die 45 bis 65-Jährigen die größte Gruppe auf dem österreichischen Arbeitsmarkt stellen, sagen die heimischen Wirtschaftsforscher. Dagegen lässt sich wenig machen: Selbst wenn die Geburtenrate unwahrscheinlicherweise augenblicklich explodieren würde, wären diese "Babyboomer" zu dem Zeitpunkt noch nicht im Arbeitsmarkt. Nicht nur die Gesellschaft überaltert also rapid, sondern (logischerweise) auch der Arbeitsmarkt.

Das wird die Wirtschaftspolitik vor Herausforderungen stellen, gegen die die herrschende Arbeitsplatzmalaise ziemlich klein wirkt. Verwunderlich also, dass die absehbare (und kurzfristig nicht umkehrbare) Entwicklung so stoisch und diskussionslos hingenommen wird. Selbst die Werbebranche, die sich selbst ja gerne als ziemlich kreativ sieht, zeigt sich ordentlich schlafmützig, operiert weiter nach einem Weltbild, das in Leuten jenseits der 49 konsum- und bedürfnislose Tattergreise sieht und fährt mit ihren Kampagnen damit zielsicher in eine stark schrumpfende Kernzielgruppe.

Wenn schon die "Kreativen" mit dem Ohr am Puls der Zeit nicht sehen, was da kommt, wie soll man das dann von Wirtschaftspolitikern verlangen (die 2015 längst ihre mehr oder weniger verdienten Politikerpensionen genießen werden und nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können).

Dabei gäbe es schon jetzt viel zu überlegen. Beispielsweise, wie es um die Innovationsfähigkeit einer überalterten Gesellschaft steht und wie man das von demografischer Schwindsucht bedrohte Innovationspotenzial trotzdem halbwegs erhalten könnte. Keine ganz unwichtige Frage für ein Land, dessen Lohnniveau geradezu dazu zwingt, einfachere Tätigkeiten irgendwo hin auszulagern und selbst am oberen Ende der Wertschöpfungskette tätig zu sein.

Da wäre es ratsam, das Innovationspotenzial des Landes rechtzeitig zu aktivieren, indem man den aktiveren Teil der Bevölkerung - die Entrepreneure, wie das Neudeutsch so schön heißt - entfesselt und zur Freilegung der innovatorischen und unternehmerischen Potenziale ermutigt. Das würde ganz nebenbei auch noch dem Arbeitsmarkt, auf dem trotz der Schaffung Zehntausender neuer Jobs immer noch ein "Arbeitskräfteüberschuss" von annähernd 246.000 besteht, gut tun.

Die Österreicher haben gezeigt, dass sie flexibel genug sind, wenn man sie lässt: Die Arbeitslosenrate ist bei uns ja auch deshalb deutlich niedriger als in Deutschland, weil trotz aller bürokratischen Hürden weniger dogmatisch gehandelt wird.

Allerdings: Wenn man ein bisschen hinter die Zahlen blickt, dann kommt einem immer noch das kalte Grausen: Laut IHS war die Branche mit dem absolut stärksten Beschäftigungsanstieg heuer der Sektor "öffentliche Verwaltung". Und das klingt nicht gerade zukunftsträchtig.

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