Libro: Wer fürchtet Rettbergs Rückkehr?

Die Justiz gewährt Libro-Pleitier André Rettberg freies Geleit. Seine Aussage soll Licht in eines der dunkelsten Kapitel heimischer Wirtschaftsgeschichte bringen.

Andr© Rettberg kommt nach Österreich zurück. Das Justizministerium gewährte dem früheren Libro-Chef freies Geleit. Rettberg ist seit 16 Monaten auf der Flucht. Gegen ihn liegt eine Anklage wegen des Verdachts der versuchten betrügerischen Krida vor. Noch im Herbst wird sich Rettberg vor Gericht verantworten. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

"Ich rechne fest mit einem Freispruch", sagte Rettbergs Wiener Anwalt Elmar Kresbach am Mittwoch zur "Presse". "Rettberg wird in zehn bis 14 Tagen nach Österreich kommen und mit den Justizbehörden Kontakt aufnehmen", sagt er. Warum Rettberg nicht sofort kommt? Es dauert ein paar Tage bis der internationale Haftbefehl aus sämtlichen Polizeicomputern gelöscht wird, so Kresbach. Man wolle sicher gehen, dass Rettberg nicht auf dem Weg nach Österreich festgenommen werde.

Der Millionen-Pleitier soll sich derzeit in Amsterdam aufhalten. Rettberg ist holländischer Staatsbürger. Der Illustrierten "News" gab er dieser Tage ein Interview. Er wolle die "schonungslose Wahrheit" über die Libro-Pleite offen legen, sagt der 47-Jährige, der dem Bericht zufolge "das Bild eines psychisch und physisch gezeichneten Mannes bot".

Anfang Februar 2004 tauchte Rettberg unter, nachdem seine beiden Anwälte im Zuge einer Hausdurchsuchung verhaftet worden waren. Den Anwälten und Rettberg wird vorgeworfen, knapp fünf Mill. Euro an Gläubigerbanken vorbei geschleust zu haben.

Bei Gesprächen mit den Banken habe Rettberg betont, dass er all sein Vermögen verloren habe. Daraufhin stimmten die Banken einem Privatkonkurs zu. Dies führte dazu, dass Rettberg dem Vernehmen nach nur noch 15 Prozent seiner Schulden hätte zurückzahlen müssen.

Als jedoch ruchbar wurde, dass Rettberg Millionen in Form von Genussscheinen im Ausland geparkt haben soll, war es mit der Großzügigkeit der Banken vorbei. Es wurde Anzeige erstattet.

Rettbergs Anwalt Kresbach dementiert die Version der Kriminalpolizei und der Banken. Sein Mandant habe keinen Zugriff auf das Geld gehabt und habe deshalb auch den Banken nichts vorenthalten, betont Kresbach.

Tatsächlich steht die Anklage nach Meinung von unabhängigen Gutachtern auf sehr wackeligen Beinen. Der renommierte Strafrechtler Frank Höpfel kam in seinem Gutachten für die Oberstaatsanwaltschaft gar zur Auffassung, dass das Verfahren gegen Rettberg einzustellen sei.

Rettbergs Flucht und Rückkehr beziehen sich auf eine Nebenfront. Die gerichtlichen Vorerhebungen im Riesen-Skandal "Libro" sind noch lange nicht abgeschlossen. Seit Monaten arbeitet der Sachverständige Martin Geyer im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt an einem Gutachten. Mit Hilfe eines kooperativen Rettberg dürfte es Martin Geyer etwas leichter fallen, die 334-Mill.-Euro-Pleite aufzuarbeiten.

Die Aufarbeitung birgt Sprengstoff. Um den einstigen Superstar Rettberg tummelte sich früher viel Prominenz. "Rettberg wird versuchen, sich im besten Licht zu präsentieren und seine früheren Geschäftspartner anzuschwärzen", mutmaßt ein involvierter Anwalt. Die Liste der früheren Geschäftspartner ist honorig und lang.

[*] Telekom Austria: Am 19. März 2003 erfolgte bei der Telekom Austria eine Hausdurchsuchung durch die Kripo. Tagelang durchsuchten die Ermittler Unterlagen, die ihnen Aufschluss über Transaktionen im Zusammenhang mit dem Libro-Börsegang im Herbst 1999 geben sollten. Die Telekom Austria war damals mit 25 Prozent bei Libro eingestiegen. Das Aktien-Paket hatte die Telekom von Andr© Rettberg erworben.

[*] Wirtschaftsprüfer KPMG. In seinem Teilgutachten kam Martin Geyer im Frühjahr dieses Jahres zum Schluss, dass eine Bewertung der Deutschland-Tochter von Libro durch die Wirtschaftsprüfer KPMG zu wohlwollend ausgefallen sei. Die Prüfer hatten den Wert mit zehn Mill. Euro beziffert. Dies sei "nicht gerechtfertigt", meint Geyer. Er bewertete die Beteiligung "mit null". Aufgrund der wohlwollenden Bewertung durch die KPMG ließen sich die damaligen Libro Aktionäre vor dem Börsegang im Herbst 1999 eine Sonderdividende von knapp 32 Mill. Euro ausschütten. Durch die Herausnahme des Geldes sei Libro vor dem Börsegang finanziell ausgehöhlt worden, mutmaßen Experten.

[*] Investmentfirma UIAG: Die UIAG war Libro-Eigentümerin der ersten Stunde und einer der Nutznießer der Sonderdividende. Im Zuge der Untersuchungen hatten die Kriminalbeamten auch dem früheren Libro-Aufsichtsratspräsidenten und UIAG-Chef Kurt Stiassny einen Besuch abgestattet.

[*] Aufsichtsräte: Im Aufsichtsrat von Libro saßen Wirtschaftsprofessor Christian Novotny, der frühere Wolford-Finanzchef Karl Michael Millauer, Telekom-Vorstand Rudolf Fischer, Mobilkom-Chef Boris Nemsic und "Krone"-Wirtschaftschef und "Gewinn"-Herausgeber Georg Wailand.

Geyers Endbericht könnte für die einstigen Libro-Manager, Wirtschaftsprüfer und Banken, die der Prospekthaftung unterliegen, bitter ausfallen. Zumal sich längst auch frühere Libro-Aktionäre formieren. Vier Jahre nach der spektakulären Pleite hegen tausende Aktionäre Hoffnung, zumindest einen Teil ihres verlorenen Geldes einzuklagen zu können.


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