analyse. US-Unternehmen brechen unter der Last ihrer Pensionszusagen zusammen.
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ie großen US-Autoherstel ler wandeln ebenso wie die großen US-Airlines derzeit am Rande der Insolvenz dahin. Nicht nur, weil das Geschäft nicht so läuft und die Preise verfallen - das geschieht ja auch im Rest der Welt, ohne dass es gleich zum Konzern-Massensterben kommt. Sondern auch, weil die Konzernbilanzen zunehmend von den riesigen Pensionslasten, die die großen US-Firmen zu tragen haben, plattgewalzt werden.
Ein Phänomen, das übrigens auch große europäische Konzerne trifft. Freilich in viel geringerem Ausmaß als in den USA. Und das darauf hindeutet, dass nicht nur die erste Säule des Pensionssystems (die staatliche Pension) sondern auch die zweite Säule (die Betriebspension) bedenkliche Risse bekommt. Und das ganze Pensionsgebäude bald nur noch von der dritten Säule, der privaten Vorsorge, getragen wird.
In den USA, wo es die flächendeckende staatliche Pension nicht gibt, war die Betriebspension bisher ein wesentlicher Anreiz, bei einem der großen alten Konzerne wie GM, IBM oder Delta anzuheuern. Die sagten langjährigen Mitarbeitern nämlich lebenslange Renten plus die ebenfalls lebenslange Bezahlung der Krankenversicherungsprämien zu. Eine für amerikanische Verhältnisse sensationelle soziale Absicherung des Lebensabends. Zumal die Großen ja als "unsinkbare Schiffe" galten.
Freilich: Die Verpflichtungen aus lebenslangen Pensionszusagen haben die selben Tücken wie die staatlichen Pensionen, die sich in Europa zunehmend zum Finanzierungsproblem für die Staaten auswachsen: Demographische Entwicklung und längere Lebenserwartung lassen die Pensionskosten insgesamt explodieren, Personalabbau und Verlagerungen machen das Verhältnis von Aktiven zu Pensionisten in den USA noch ungünstiger.
Der Effekt ist für die US-Konzerne, die solche Zusagen gemacht haben, verheerend: Die Finanzierungslücke, die dadurch entstanden ist, wird in der US-Industrie auf 400 Mrd. Dollar geschätzt.
Ein drastisches Beispiel: Bei General Motors machen die Lasten für zugesagte Pensionen und Gesundheitsversorgung 1525 Dollar pro erzeugtem Fahrzeug aus. Das sind fast zehn Prozent des Endverbraucherpreises. Diese Summe müssen GM und Ford am Markt erst einmal vorgeben, denn die japanische, koreanische oder deutsche Konkurrenz hat diese Lasten mangels Zusagen nicht, auch wenn sie in den USA produziert.
Kein Wunder, dass die US-Konzerne - zuletzt in großem Stil die Autohersteller und die Fluggesellschaften - versuchen, diese "Altlasten" weg zu bekommen. Was allerdings nicht ganz einfach geht, weil die Leistungen ja vertraglich zugesichert sind. Viele wälzen ihre Zusagen jetzt auf den staatlichen Garantiefonds PBGC (Pension Benefit Guaranty Corporation) ab, der aber erstens nicht die vollen Leistungen übernimmt - was den Rentnern doch deutliche Einkommenseinbußen beschert - und zweitens unter der Last der vielen "Neuzugänge" selbst zusammen zu brechen droht.
Die Unternehmen versuchen nun, Pensionszusagen in Zuschüsse zu sogenannten 401-k-Plänen (das sind steuerbegünstige Aktiensparmodelle für die private Pensionsvorsorge) umzuwandeln. Das hat für die Begünstigten freilich einen entscheidenden Nachteil: Pensionszusagen galten bis zum Tod, 401-k-Pläne nur so lange, bis das Kapital aufgezehrt ist.
Und sie sind auch sehr unsicher, weil Firmen ihre Mitarbeiter häufig drängen, Hauptsächlich in Aktien des eigenen Unternehmens zu investieren. Auf die Art sind beispielsweise viele Enron- und Worldcom-Mitarbeiter um ihre gesamte Altersversorgung gekommen. Von diesem Problem wird man noch hören: In Europa droht das ungelöste Pensionsproblem Staaten in den finanziellen Abgrund zu reißen, in den USA die "alte" Großindustrie.