Elektronische Börsehändler. Ökonomen nehmen Anleihen bei der Biologie.
BRISTOL/WIEN. Am Börsencrash 2001 waren automatische Aktien-Handelssysteme mit Schuld. Das gibt Dave Cliff auch unumwunden zu. "Aber diese Systeme waren nicht viel intelligenter als Thermoskannen", meint der MIT-Forscher, derzeit in Diensten von Hewlett Packard, zur "Presse". Die Systeme hätten primitiv reagiert - nämlich ausschließlich auf die aktuellen Kurse. Die Folge: Um Verluste zu vermeiden, wurden Aufwärts- und Abwärtstrends ungebremst und unkritisch verstärkt. Cliff ist aber trotzdem sicher, dass elektronischen Händlern die Zukunft gehört - allerdings völlig andere Systeme, als die derzeitigen.
Cliff selbst hat 1997 den Startschuss zu der rasanten Entwicklung gelegt: Er hat ein kleines Computerprogramm veröffentlicht, das sich in zahlreichen Vergleichstests als überlegen erwiesen hat: den sogenannten "ZIP"-Händler ("zero intelligence plus").
Dieser ist eine Weiterentwicklung der "Zero-intelligence"-Händler ("ZI") der frühen 1990er Jahre. Damals dachten viele Ökonomen, dass die ganze Intelligenz des Handels im Marktmechanismus steckt. "Das ist aber nicht in allen Situationen richtig", so Cliff.
Ein bisschen mehr Intelligenz müssen die elektronischen Händler also haben. Was ist aber das Minimum? Cliffs ursprüngliche Konstruktion umfasste acht Parameter wie etwa die Profitrate, die erwirtschaftet werden soll, oder die Risikobereitschaft. Der Clou daran: Durch einen genetischen Algorithmus werden die acht Einflussgrößen verändert. Dabei wird die Biologie nachgebildet: Die Parameter werden zufällig verändert ("mutiert") und dann selektioniert - nur die besten Varianten können sich in der nächsten Generation vermehren. Im Ergebnis sind die elektronischen Händler damit auf lange Sicht gesehen lernfähig: Sie passen ihr Verhalten - ähnlich wie der Mensch - an Erfahrungen an.
Die automatischen Handelssysteme haben aber eben Vorteile: Sie werden natürlich nie müde. Und sie sind effizienter - sie finden den optimalen Gleichgewichtspreis, der den Handel maximiert, besser als Menschen. Die Effizienzsteigerung liegt Cliff zufolge bei "einigen Prozent". Das klingt nicht nach sehr viel. In Anbetracht der Billionen Dollar, die weltweit an den Börsen zirkulieren, geht es dabei aber um Milliardenbeträge.
Nun hat der Forscher eine verbesserte Version mit 60 anstatt acht Parametern entwickelt. Dabei hat er beispielsweise unterschiedliche Verhaltensregeln eingebaut, je nachdem, ob der ZIP-Händler Käufer oder Verkäufer ist. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, Cliff deutet aber an, dass sie vielversprechend seien. Investmentbanken würden ihm schon jetzt die Türen einrennen, sagt er.
Allerdings glaubt Cliff nicht, dass der Mensch komplett ersetzt wird. "Das ist wie beim Autopilot eines Flugzeuges", sagt er. Die Elektronik nehme Routinearbeit ab und liefere Entscheidungs-Unterstützung. "Aber wir wollen ja einen Piloten vorne sitzen haben."